7. Bittersüße Erinnerungen – Im Café mit Dir

Inhaltsverzeichnis:

1.         Ein langer Spaziergang
2.         Einen Schritt zurück
3.         Flatternde Nerven
4.         Heißer Sommertag
5.         Kirchturm
6.         Die Nacht mit Dir
7.         Bittersüße Erinnerungen
8.         Zurück im Café

7. Bittersüße Erinnerungen

Wir wachten auf, als der Alarm losging und die Sirenen einen schrecklichen Ton von sich gaben. Marie kuschelte sich näher an mich und ich spürte ihre nackte Haut auf meinem Rücken. Mein Wecker zeigte an, dass es gerade erst 4:30 Uhr morgens war. Ich drehte mich um und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht.

„Was ist das für ein Geräusch?“, murmelte sie.

„Wahrscheinlich die Feuersirenen. Ich weiß es nicht genau, aber Du bist wunderschön“, erwiderte ich verschlafen und küsste sie auf die Stirn.

Sie lächelte und rieb sich die Augen. Ihr Blick war weich. So verliebt war ich noch nie.

„Fahren wir weg“, schlug sie plötzlich vor.

„Wohin?“, erwiderte ich etwas verwirrt.

„Einfach weg. Du und ich. Wir sagen niemandem etwas. Lass uns ein neues Leben beginnen. In Paris oder Barcelona oder Moskau. Egal wohin.“

Ich dachte, sie scherzte, aber ihr Blick verriet mir ihre Ernsthaftigkeit. Ich bekam Gänsehaut. Warum eigentlich nicht? Wir kannten uns zwar erst seit Kurzem, aber ich wusste, dass sie etwas ganz Besonderes war. Noch nie hatte mich jemand so leicht fühlen lassen. Außerdem hielt mich in dieser Stadt nichts.

„Mit Dir würde ich sogar in die Antarktis ziehen“, grinste ich und gab ihr einen Kuss.

„In der Früh schleiche ich mich zurück in die Villa, während mein Vater in der Fabrik ist, und hole meine Sachen“, sagte sie aufgeregt.

Ich überlegte. „Am besten treffen wir uns direkt bei der Zugstation. Von da aus können wir in die Hauptstadt fahren, wo die Zugverbindungen durch ganz Europa reichen.“

Sie strahlte und ich fühlte mich leicht, unbeschwert. „Endlich raus aus dieser gottverdammten kleinen Stadt“, dachte ich. Ich mochte sie, aber hier gab es keine Herausforderungen, keinen Spaß. Nur der tägliche Kampf des Überlebens und ein paar Reiche, die den Arbeitsmarkt fest im Griff hatten. Für Fotografen wie mich gab es hier kaum Chancen, zu Überleben. Nun lag sie neben mir, die Liebe meines Lebens und fragte mich, ob ich mit ihr gehen will. Es kam mir wie ein Traum vor. Wie konnte ich da Nein sagen?

Plötzlich hatte ich eine Idee. Mit einem Griff in die Schublade des Nachttischkastens holte ich einen Ring hervor. Es war der Verlobungsring meiner Eltern. War ich verrückt, ihn einer Dame zu geben, die ich erst seit ein paar Tagen kannte? Wahrscheinlich. Doch der Moment schien perfekt.

„Das ist der Ring meiner Mutter, den mein Vater ihr geschenkt hatte. Er ist einer der wenigen Dinge, die ich von ihr noch habe. Ich wusste immer, dass irgendwann jemand kommen wird, der ihm würdig ist. Diese Zeit ist gekommen“, erklärte ich.

Marie sah mich aufmerksam an. Ihre grünen Augen glitzerten wie die warme Sonne. „Ich verspreche, dich morgen um 07:00 Uhr am Bahnhof zu treffen“, sagte ich und steckte ihr den Ring an den Finger.

„Ich liebe ihn“, antwortete Marie andächtig und betrachtete den goldenen Ring mit dem kleinen, grünen Stein genauer. Er war wie für sie gemacht. Sie ließ ihre Hand durch meine Haare gleiten und küsste mich.

Die Sirenen traten wieder in den Vordergrund. Sie wurden lauter und rissen uns aus unserer kleinen, perfekten Welt. Ich hörte das Quietschen der Reifen des Autos, das vor dem Haus hielt.

Plötzlich klopfte jemanden ziemlich heftig an die Tür. Wir erschraken. Komisch, wer konnte das um diese Zeit sein?

Ich stand auf und zog mir eine Hose an. Das Klopfen an der Tür wurde immer lauter. „Mein Vater“, sagte Marie leise. Ich drehte mich um und sah, wie sie mit einem erschrockenen Blick nach ihrer Kleidung griff.

„Schon gut, ich komme schon“, schrie ich und öffnete die Haustür.

Schock ließ mich erstarren. Was war los? Vor mir standen 3 Männer in Uniformen. „Alfred“, sagte Michael mit ernstem Blick, der ein wütender Ausdruck von Trauer war. „Es tut mir leid, aber wir müssen los.“

Verwirrt blickte ich auf die Straße und sah einen Wagen des Militärs, der mir verriet, dass ich keine Wahl haben werde.

„Aber… was ist passiert?“, fragte ich verzweifelt.

„Sie haben mich auch gerade erst von meinen Eltern abgeholt. Wir müssen unser Land verteidigen, Alfred. Ich habe Dir doch gesagt, dass die Juden irgendwann Probleme bereiten werden.“

Marie kam näher und ihr Gesicht voll Horror verriet mir, dass sie wusste, was hier passierte. Ihre Ausbildung war zu gut und sofort konnte sie eins und eins zusammenzählen.

„Alfred, ich möchte nicht, dass Du gehst. Verlassen wir Europa, solange wir können.“

„Miss, das ist leider zu spät. Er hat keine Wahl. Und jetzt komm, wir können keine weitere Zeit mehr verschwenden“, sagte ein weiterer Mann in Uniform, der zur Haustür kam und mich am Arm auf die Straße hinauszog.

„Warte!“, schrie ich verzweifelt und riss mich los.

Ich realisiere in diesem Moment, dass der Krieg nun doch bis in unser Gebiet vorgedrungen war. Ich begann zu schwitzen, als ich verstand, was das für mich zu bedeuten hatte.

Plötzlich schrie Pablo aus dem Fenster des Fahrzeugs: „Steig ein, Alfred! Es geht los! Die Feinde sind schon in der nächsten Stadt. Wir haben keine Zeit mehr“. Marie und ich sahen uns erschrocken an und bevor ich Fragen stellen konnte, zehrten mich die zwei Männer auf die Rückbank des Militärwagens. Michael entschuldigte sich bei Marie und stieg ebenso wieder ein.

Alles ging zu schnell, mein Herz raste und meine Hände schwitzten. Ich wusste nicht, was ich denken sollte.

„Du musst mitkommen, es tut mir leid. Wir brauchen dich“, sagte einer der beiden Männer, die ich nicht kannte. Die kühle Nachtluft war wie ein Stich in der Brust.

„Marie, ich liebe dich. Ich komme bald wieder“, schrie ich, als sie die Türen des Fahrzeugs schlossen und ich sie das letzte Mal in meinem Leben sah. Sie stand in ihrem übergeworfenen Kleid, zerzausten Haaren und mit Terror in ihrem Gesicht im Türrahmen und blickte mir nach, bis wir auf eine andere Straße bogen.

Alfred hatte Tränen in den Augen, als er sich an Maries Gesichtsausdruck erinnerte und an die 2 Jahre im Krieg, die er glücklicherweise im Gegensatz zu den meisten seiner Freunde heil überstanden hatte. Er streichelte die Narbe an seiner linken Hand. Das Einzige, das neben der Zerstörung und den schmerzhaften Erinnerungen vom Krieg übrig blieb.

Sein Blick schweifte über den Hauptplatz der Stadt. Er beschloss, seinen Spaziergang ohne Ziel fortzusetzten, um sich von seiner Traurigkeit abzulenken. Er ging schneller als zuvor, obwohl sein Knie immer noch schmerzte. Auch die Kälte störten ihn plötzlich nicht mehr. Das Lachen der Menschen um das Lagerfeuer wirkte surreal.

Nachdem er 1945 wieder zurück nach Hause kehrte, versuchte er Marie mithilfe des Fotos aus ihrer einzigen gemeinsamen Nacht ausfindig zu machen. Niemand wusste, wo sie war. Die Fabrik ihres Vaters war abgebrannt und Schilder mit der Aufschrift „Zur Hölle mit den Juden“ hingen an den Mauern der Fabrik. Das brach Alfred auch heute noch das Herz. Maries Tante, in deren Villa Marie wohnte, wurde tot in ihrem Bett aufgefunden.

Die nächsten Jahre war Alfred damit beschäftigt, die Stadt wiederaufzubauen. Viele Gebäude waren zerstört und die meisten Menschen der Stadt hatten kein Zuhause mehr. Jeden Tag hoffte er, Marie wiederzusehen. Doch sie war verschwunden.

Die Stadt war nicht mehr dieselbe. Die Fabrik wurde von einem reichen Geschäftsmann aus der Nebenstadt gekauft. Er bot Alfred eine Arbeitsstelle als Dankeschön für seine harte Arbeit beim Aufbau der Stadt an. Er hatte nie wieder fotografiert.

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