6. Die Nacht mit Dir – Im Café mit Dir

Inhaltsverzeichnis:

1.         Ein langer Spaziergang
2.         Einen Schritt zurück
3.         Flatternde Nerven
4.         Heißer Sommertag
5.         Kirchturm
6.         Die Nacht mit Dir
7.         Bittersüße Erinnerungen
8.         Zurück im Café

6. Die Nacht mit Dir

Als wir das Zentrum der Stadt verlassen hatten, fuhren wir auf einem Feldweg entlang, bis wir an einer Abzweigung ankamen. Um uns herum erstreckten sich weite Kürbisfelder. Marie stieg vom Fahrrad ab und blickte zum Hügel hoch, auf dem eine Villa auf ihre Ankunft wartete. In nur einem Fenster brannte Licht. „Das ist das Schlafzimmer meiner Tante, der Hausdame. Sie ist eine Nachteule. Manchmal spielt sie wunderschöne Töne auf ihrem Klavier durch die Finsternis. Doch das Haus ist so groß, dass niemand davon gestört wird. Nur die Fledermäuse und der Mond können sie hören.“ Sie sah mich an.

Die Villa war riesig. Ich wunderte mich, wie es innen wohl aussah. Plötzlich wurde mir bewusst, dass Marie aus einer komplett anderen Welt kam. Auch, wenn wir uns diesen Sommer ein paar Mal treffen konnten, im Herbst war sie weg. Wahrscheinlich für immer.

„Das ist also Dein Zuhause“, steltle ich etwas eingeschüchtert fest.

Sie dreht sich zur Seite und blickt auf die Felder hinaus. „Ja, aber nur für die nächsten Wochen. Unser Haus in Italien ist viel gemütlicher“, antwortete sie. Das Mondlicht schien zart auf ihr elegantes Wesen. Ihr Kleid verlieh ihr die Silhouette einer Ballerina und ihre Augen glänzten mit den Sternen um die Wette.

Ich nahm all meinen Mut zusammen. Wer weiß wieviel Chancen ich noch bekommen würde, meine Gefühle mit ihr zu teilen.

„Der Tag mit Dir war wirklich schön, Marie“, schwärmte ich und nahm ihre Hände, „Du bist wundervoll und ich sehe dieselbe Lebenslust in Deinen Augen, die ich zu leben vergessen habe. Ich hoffe, wir können uns bald wiedersehen.“ Ihr Gesicht war neutral. Sie biss ihre Unterlippe, als wäre sie nervös. Hatte ich etwas Falsches gesagt?

„Alfred“, sagte sie und sah mich ernst an. „Ich möchte noch nicht nach Hause gehen.“ Sie blickte auf ihre teuren, weißen Schuhe, die voll Erde der Blumenwiese und Staub der Kirchentreppen waren. „Zeig mir, wo Du wohnst.“

Wenig später standen wir vor einem Reihenhaus am Rande der Stadt. Es wurde von der Laterne auf der anderen Straßenseite erhellt. „Tja, ähm… hier wohne ich“, sagte ich schüchtern und deutete mit meinem Arm auf ein kleines Haus aus Stein, das zwischen den anderen wie eingequetscht wirkte. Es hatte zwei Stöcke, eine braune Haustür und einen winzigen Balkon darüber. Dort hing eine Kiste mit verwelkten Blumen. Michael hatte einen schwarzen Daumen.

„Süß“, erwiderte Marie lächelnd und nickte.

„Wenn Du willst, lade ich dich gerne noch auf einen Kaffee oder Tee ein“, schlug ich vor und hörte das Herz in meiner Brust pochen wie noch nie.

„Ein Tee wäre nett“ antwortete sie und strahlte mich an. Ihr Lächeln ist wie zuvor verzaubernd und hielt mich fest in ihrem Bann.

Als ich den Schlüssel in das Loch steckte, hoffte ich, dass mein Mitbewohner keine dreckige Unterwäsche am Boden liegen gelassen hatte. Wir betraten die Wohnung und es war keine Unterwäsche zu sehen. Ich atmete tief durch.

Ich nahm ihre Hand und wir machten uns auf den Weg in das Wohnzimmer. Die Möbel waren alt. Sie standen bereits da, als Michael vor mehreren Jahren eingezogen war. An der Wand hingen verschiedene Gemälde von den Flohmärkten, zu denen ich gerne ging und auf dem Kamin standen ein paar Vasen mit verwelkten Blumen. Da die Küche winzig war, stand der Esstisch aus Holz, von dem ein kleines Stück abgebrochen war, in der Ecke des Wohnzimmers. Als Marie sich umsah, schämte ich mich ein bisschen. Sie hatte besseres verdient.

„Die Dame“, sagte ich und bot ihr einen der drei Stühle an. Jetzt ist sie schon hier und ich möchte das Beste daraus machen. Sie setzte sich und ich entschuldigte mich, um in der Küche nebenan Wasser zu kochen. Am Kühlschrank fand ich eine Notiz von Michael. „Bin bei meinen Eltern am Hof. Komme Sonntag wieder. Wehe, Du isst meinen Käse von Bauern Frederick.“

Plötzlich ertönte das alte, halb kaputte Klavier meines Mitbewohners im Wohnzimmer. Ich nahm beide Tassen voll Kräutertee und staunte, als ich Marie am Klavier sitzen sah. Elegant schwang sie leicht hin und her und summte zu der Melodie des Klaviers. Verzaubert stand ich im Rahmen der Tür und wollte mich kaum bewegen, da dieser Moment sonst enden könnte.

Doch als Marie die Kamera auf dem Kamin zu ihrer Rechten erblickte, klangen die magischen Töne aus. Sie stand auf und betrachtete die Kamera neugierig, bevor sie sie in die Hand nahm.

„Dein Tee“, sagte ich und betrat das Zimmer. Ich stellte die Tassen auf den Kamin und legte meine Hände von hinten um Maries Hüften. Sie Duftete nicht nur nach Vanille, sondern auch nach den Blumen der Wiese, auf der wir zuvor ein Picknick machten. Sie schloss ihre Augen und gemeinsam genossen wir die Wärme des anderen.

Nach einer kurzen Zeit des Schweigens drehte sie sich um, schaute mir tief in die Augen und fragte mich herausfordernd: „Du bist doch Fotograf, nicht wahr?“

„Ja“, antworte ich etwas verlegen.

Mit einem Leuchten in den Augen und einer zuckersüßen Stimme fragte sie: „Möchtest Du mich fotografieren?“

Das machte mich nervös. So eine schöne Muse hatte ich noch nie. Ich trat näher an sie heran und nahm die Kamera in ihrer Hand. „Ich brauche etwas mehr Licht“, sagte ich und warf Holz in den Kamin. Ein Streichholz ließ das Feuer lodern. Ich stellte den alten Sessel aus der Ecke des Wohnzimmers in die Mitte des Raumes, sodass sie mit dem Gesicht zum Feuer gedreht war. Marie stand immer noch neben dem Kamin und beobachtete mich.

„Du kannst dich setzen“, sagte ich, kniete vor den Ofen und drehte an den Knöpfen der Kamera, um die Einstellungen anzupassen. Marie bewegte sich langsam auf den Sessel zu und blickte mich verführerisch an, bevor sie die Träger ihres Kleides sanft über ihre Schultern streifte. Ich wagte es kaum, hinzusehen und legte ein Stück Holz nach, obwohl das Feuer lichterloh brannte.

Marie setzte sich auf den Stuhl, schlug ein Bein über das andere und legte beide Arme auf die Lehnen des Sessels. Die silberne Kette um ihren Hals spiegelte das Feuer wider. Ihre Schönheit einzufangen war nicht schwer, denn sie war ein Kunstwerk an sich. Ein Meisterwerk Gottes.

Das Klicken der Kamera. Sie legte eine Hand auf ihre Schulter und ließ sie langsam über ihre Brust laufen. Ein weiteres Klicken. Sie streckte den Arm aus und hielt ihre Hand in meine Richtung. Ich ergriff sie und küsste ihren Handrücken. Dann ihren Arm, hinauf zur Schulter. Das Feuer zeichnete kleine Gemälde auf ihre Haut, die sich Moment für Moment änderten und mir die Flüchtigkeit dieser Situation bewusst machten. Ich versuchte, mir jedes Detail einzuprägen. Ich strich ihr durch das Haar und küsste sie zart auf die Lippen.

Leise flüsterte sie mir ins Ohr: „Wo ist das Schlafzimmer?“

Jeder Gedanke verschwamm.

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