4. Heißer Sommertag – Im Café mit Dir

Inhaltsverzeichnis:

1.         Ein langer Spaziergang
2.         Einen Schritt zurück
3.         Flatternde Nerven
4.         Heißer Sommertag
5.         Kirchturm
6.         Die Nacht mit Dir
7.         Bittersüße Erinnerungen
8.         Zurück im Café

4. Heißer Sommertag

Wenige Meter voneinander entfernt breitete sich ein Grinsen auf unseren Gesichtern aus. „Alfred,“, sagte sie in einem freudvollen Ton und umarmte mich. Ihre Haare dufteten nach Vanille und Himbeeren. Ich zog sie etwas dichter an mich heran und spürte die Schmetterlinge in meinem Bauch.

„Die Dame“, sagte ich, auf das Fahrrad deutend. Verwirrt blickte sie mich an. „Bist Du schon einmal auf dem Lenker eines Fahrrades mitgefahren?“

„Was? Da passe ich doch niemals rauf?“, lachte sie.

„Es ist ganz einfach“, versuchte ich zu erklären und setzte mich auf das Fahrrad. Mit einer Handgeste zeigte ich ihr, wo sie sitzen konnte. Sie setzte sich auf die Lenkstange und hielt sich verkrampft fest. Langsam begann ich, anzufahren. Marie kreischte, als wir schneller wurden und um die Ecke bogen, um auf einer kleinen Brücke den Bach zu überqueren. Die Nervosität schlug schnell in Freude um und sie lachte aus vollem Herzen.

Wir fuhren durch eine Allee voll Eichen und Ahornbäumen und nach wenigen Minuten eröffnete sich zu unserer rechten Seite ein Maisfeld kurz vor der Ernte und zu unserer linken Seite eine weit reichende, bunte Blumenwiese.

„Wow“, hörte ich sie leise sagen.

Wir legten das Fahrrad am Wegrand ab und ich nahm ihre Hand. Mit dem Korb in der anderen Hand spazierten wir in die Mitte der Blumenwiese. Ich breitete die hellgrüne Decke, die ich von meinem Mitbewohner ausgeborgt hatte, aus und stellte Käse, Walnüsse, Weintrauben, zwei Gläser und die Flasche Wein von Pablo in die Mitte.

Die Sonne schien auf ihr wunderschönes Haar, das sie heute offen trug, wobei eine weiße Spange die vorderen Strähnen im Zaum hielt. Sie saß aufrecht in ihrem roten Kleid mit perfekter Haltung und streifte den Stoff auf ihren Oberschenkeln glatt. Hinter ihr wuchsen gelbe, lila, weiße, rote und blaue Blumen Richtung Sonne und unterstrichen Maries Schönheit.

„Das sieht alles sehr lecker aus“, sagte sie und nahm ein Stückchen Käse. „Danke. Das ist der Käse vom Bauern Frederick, der am Wochenende Gemüse am Markt verkauft. Seine Milchprodukte sind die besten weit und breit“, sagte ich und leerte Wein in die Gläser. Marie biss vom Käse ab und schloss genießend die Augen. „Wow, das ist wirklich sehr lecker“, erwiderte sie.

„Mein Mitbewohner Michael schwört auf Fredericks ProDukte. Er kauft nirgend anders ein.“

„Dein Mitbewohner?“, fragte sie leicht verwirrt.

„Oh“, sagte ich verunsichert. „Ja. Ich lebe gerade bei einem Freund.“ Ich zupfte am Gänseblümchen herum, das sich auf unsere Decke erstreckte und so aussah, als wolle es selbst den leckeren Käse probieren.

„Er ist ein netter Kerl. Er arbeitet als Rauchfangkehrer. Vielleicht kann ich ihn Dir mal vorstellen, wenn Du lange genug in der Stadt bist.“

„Vielleicht.“ Sie grinste und legte den Rest des Käsestücks in ihren Mund.

„Wie lange bleibst Du denn hier?“, fragte ich neugierig und reichte ihr das Glas.

„Ach, wahrscheinlich nur über den Sommer. Wenn die Eröffnung der Fabrik meines Vaters klappt, werden wir Anfang Herbst wieder nach Italien gehen. Da beginnt nämlich mein erstes Jahr an der Universität. Ich werde Literatur studieren.“ Ihr Ton war neutral und ihre Augen leer. Sie schien sich nicht besonders darüber zu freuen.

„Dein Vater scheint ein sehr erfolgreicher Mann zu sein“, stellte ich fest.

„Ja, das ist er. Versteh mich nicht falsch, ich bin unendlich dankbar für alles, was mir das Leben geschenkt hat. Doch manchmal wünschte ich mir, es wäre anders.“

„Wie meinst Du das?“

„Naja“, sie blickte auf ihre Hände, während sie sprach. „Er ist sehr strikt und erwartet nur das Beste von mir. Er will, dass ich eine gute Ausbildung bekomme, doch letztendlich werde ich einen reichen Geschäftsmann heiraten und Hausfrau sein. Mein Vater sagt immer: „Das ist das ideale Traumleben für jede Frau.“ Immer, wenn ich etwas anderes sage, wird er wütend und bricht das Gespräch ab.“

„Ich verstehe“, sagte ich und trank einen Schluck von Pablos Wein. Doch in Wirklichkeit verstand ich kein Wort. Ich durfte immer tun, was ich wollte. Mein Onkel erlaubte mir alles, solange ich die Schule besuchte und bei Anbruch der Dunkelheit wieder zu Hause war.

„Ich muss immer Regeln befolgen. Es gibt so viele Regeln. Für alles. Was ich tun soll, was ich sagen darf, wie ich sitzen muss und welchen Menschen ich wie lange in die Augen sehen kann. Wenn er wüsste, dass ich hier bin, würde er Dir wahrscheinlich den Hals umdrehen und mich enterben.“ Sie versuchte, zu lachen, doch es klang wie ein verunsichertes Schnaufen.

Ich spürte, dass hinter diesem Witz ein Stückchen Wahrheit lag. Marie kam mir vor wie ein lebensfrohes Mädchen, das unter einer Golddecke zerdrückt wurde. Ihre Worte wirkten etwas wie unterdrückte Hilfeschreie. Doch was kann ich schon tun?

„Ich habe eine Idee“, sagte ich und nahm ihre Hand.

„Was-„, noch bevor sie Einwände aufbringen konnte, führte ich sie Durch die bunten Blumen. Hinter ein paar Bäumen am Rande der Wiese floss der kleine Bach aus der Stadt Richtung See. In diesem schmalen Gewässer lebten viele Fische, die gegen den Strom schwammen. Ein paar Libellen saßen auf den Pflanzen am anderen Ufer und eine Taube trank aus dem kühlen Wasser.

„Oh, das ist schön“, sagte sie.

„Als Kind habe ich hier immer mit meinen Freunden gespielt“, erzählte ich und zeigte auf einen dicken, alten Baum etwas stromaufwärts. „Früher hing dort drüben eine Schaukel. Eines Tages riss das Seil und ich fiel kopfüber in das Wasser.“

Wir lachten.

„Es muss schön gewesen sein, hier aufzuwachsen“, antwortete Marie und schaute andächtig auf den langsamen Strom des Wassers.

„Springen wir rein“, forderte ich sie heraus.

Sie bekam große Augen. „Reinspringen? Aber dann ist unsere Kleidung ganz nass“

„Dann ziehen wir sie einfach aus“, beschloss ich und knöpfte mein Hemd auf.

Sie sah mich misstrauisch an. Ich grinste und sie öffnete den Reißverschluss ihres Kleides. Plötzlich wurde mir ganz heiß. Ich hatte nicht gedacht, dass sie wirklich mitmachen würde. Wenige Momente später standen wir uns in unserer Unterwäsche gegenüber.

„Dann los“, lachte sie in einem kindlichen Ton.

Ich schaute auf den ruhigen Strom des Baches und wusste, dass er kalt sein würde. Auf einmal spürte ich Hände auf meinem Rücken und kurzerhand war mein gesamter Körper umhüllt von der Kälte des Wassers. Als ich wieder auftauchte, blickte mich Marie lachend an. Sie nahm Anlauf und sprang ebenso ins Wasser. Ich hielt meine Hände schützend vors Gesicht. Als Marie wieder auftauchte, spritzte ich sie mit einem Schwall Wasser an. Das ließ sie nicht auf sich sitzen und spritzte etwas Wasser zurück. Das Hin und Her hörte erst auf, als wir den Kampf für unentschieden erklärten.

Marie lehnte sich zurück und ließ sich entspannt auf dem Rücken treiben. „Ich habe mich schon lange nicht mehr so frei gefühlt“, sagt sie mit ihren Ohren unterm Wasser.

Zitternd kehrten wir wenig später zu unserem Picknick zurück. Die Sonne wärmte uns, doch ich spürte immer noch die Kälte des Bachs auf meiner Haut. Ich zog mir meine Hose an und legte mich flach auf die erwärmte Decke. Die Sonnenstrahlen auf meiner Brust waren sehr angenehm. Marie zog sich ihr Kleid über, ohne den Reißverschluss zu schließen, und legte ihren Kopf auf meinen Bauch. Ihre nassen Haare gaben mir Gänsehaut. Mein Herz schlug schneller und ich konnte diesen unglaublich schönen Moment kaum fassen. Ich richtete mich etwas auf und strich zärtlich eine nasse Haarsträhne aus ihrem Gesicht. Marie blickte hoch und kniff die Augen zusammen, weil die Sonne sie blendete.

Ich rieb meine schweißbedeckten Hände an der Decke trocken und legte eine Hand auf Maries Hinterkopf. Mein Blick blieb an ihrem kleinen Muttermal über der rechten Schläfe hängen, das mir zuvor nicht aufgefallen war. Sanft streichelte ich darüber. Sie nahm meine Hand und küsste sie. Mein Herz raste so schnell, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis es meinen Brustkorb durchbrach.

Ich lehnte mich nach vorne und als unsere Lippen sich trafen, spürte ich eine Explosion an Gefühlen in meinem gesamten Körper. Mein Bauch wurde warm, mein Herz ruhig und alles außerhalb unserer Lippen war verschwommen. Als wir uns vom Kuss lösten, genoss ich ihr wunderschönes Lächeln sehr und all meine Nervosität verschwand mit einem Schlag. Tiefer Frieden erfüllte mich. Dieser Moment war zeitlos. Es fühlte sich alles so richtig an. Mir kam es so vor, als würden wir uns bereits seit Ewigkeiten kennen. Zwei Puzzleteile, die perfekt ineinanderpassen und sich schon seit langer Zeit suchten, um das Bild endlich zu vollenden.

Plötzlich fiel mir etwas ein. „Hast Du eigentlich Deine Großmutter schon getroffen?“, fragte ich interessiert.

Marie richtete sich auf und ihr Gesicht strahlte. „Alfred, Du weißt gar nicht was meine Großmutter für ein wunderbarer Mensch ist. Sie ist so… stark! Und führt das interessanteste Leben, von dem ich je gehört habe. Sie lebt auf einem Bauernhof mit ein paar Helfern und meinem Cousin. Sie isst nur, was ihr schmeckt, sie verwendet die lustigsten Schimpfwörter und jeden Abend trifft sie sich mit ihren Freundinnen am See, wo sie gemeinsam eine Flasche Wein trinken.“

Marie lacht und sie redet immer schneller. „Sie macht, was sie will und lässt sich von niemandem sagen, was sie tun oder nicht tun kann. Außerdem ist sie sehr stolz darauf, Jüdin zu sein. Heutzutage kann das ja schon ein Streitpunkt werden. Ihr ist es aber egal. Sie will, dass auch ich meinen Glauben offen lebe, trotz der Meinung anderer. Sie sagt, was sie sagen will und wann sie es sagen will. Wem das nicht passt, der hat keinen Platz in ihrem Leben. Sie inspiriert mich sehr.“ Marie legt sich auf ihren Rücken stellt ihre Beine auf. Ihr Hände ruhen auf ihrem Bauch, während sie spricht.

„Sie hat auch einen kleinen Gemüsegarten, von dem man auf die Berge blicken kann. Am Abend haben wir uns beide zwischen die Tomaten gesetzt und den Sonnenuntergang über den Bergen gemalt. Ich möchte diesen Sommer unbedingt so viel Zeit wie möglich mit ihr verbringen.“

„Sie wirkt wirklich wie ein sehr interessanter Mensch“, erwiderte ich.

Marie lachte. Ihre gute Laune war ansteckend. „Du musst sie unbedingt kennenlernen. Ich glaube, ihr würdet euch bestens verstehen.“

Ich nickte und strich ihr durchs Haar. Hier, umgeben von Wiese, Wald und Bach, sah sie wie eine Fee aus. Ihre steife Eleganz verwandelte sich in lockere Lebensfreude. Ich sah das Kind in ihr, das schon lange auf Momente wie diese wartete.

Marie pflückte ein weißes Gänseblümchen und steckte es hinter mein Ohr. Sie musterte mich mit weichen Blicken und beschloss mit einem schmunzelnden Nicken, dass ihre Absicht erfüllt war. Da griff ich selbst nach einer lila Blume, deren Name ich nicht kannte, und steckte sie hinter ihr Ohr. „Eine Glockenblume, wie schön“, sagte sie und nahm meine Hand.

Den ganzen Nachmittag lang lagen wir in der Sonne und erzählten uns Geschichten aus unserem Leben. Auch, wenn wir so unterschiedlich waren – irgendetwas verband uns. Irgendetwas ließ mich spüren, dass wir den Rest unseres Lebens Picknicks in der Wiese machen könnten. Ich möchte Marie von den goldenen Ketten befreien und ein Leben voll Freiheit schenken.

Ein Moment der Stille tat sich auf. Wir lagen mit dem Rücken auf der Decke, die leere Weinflasche neben uns, und schlossen die Augen. Ich griff nach ihrer Hand und unsere Finger umschlossen sich. Sie formten eine Einheit, die nur schwer zu durchbrechen war. Ich drehte den Kopf und sah, dass sie mich ansah. „Wo warst Du nur mein ganzes Leben lang?“, fragte sie. Diese Worte wärmten meinen gesamten Körper.

„Möchtest Du richtigen Nervenkitzel spüren?“, fragte ich sie nach einer Weile. Verwirrt, aber neugierig sah sie mich mit großen, grünen Augen an.

Alfred massierte seine schmerzenden Knie und beobachtete eine Taube, die am Boden nach Essbarem suchte. Das graue Tier mit dem grünen Gefieder am Kopf stolzierte an ihm vorbei, ohne auch nur ein Fünkchen Interesse an dem alten Mann zu zeigen. Plötzlich wünschte er sich in diesem Moment, eine Taube zu sein, weil er sich frei und unbeschwert fühlen wollte und die Taube sicher nicht so alt und gebrechlich war, wie er selbst. Vor allem schien sie so sorglos. Alfred sah der Taube so lange nach, bis sie ihre Flügel aufspannte, um sich mit Anlauf in die Luft zu erheben und außer Sichtweite zu fliegen.

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