2. Einen Schritt zurück – Im Café mit Dir

Inhaltsverzeichnis:

1.         Ein langer Spaziergang
2.         Einen Schritt zurück
3.         Flatternde Nerven
4.         Heißer Sommertag
5.         Kirchturm
6.         Die Nacht mit Dir
7.         Bittersüße Erinnerungen
8.         Zurück im Café

2. Einen Schritt zurück

„Hallo, ich bin Alfred.“

„Uhm, hallo. Kennen wir uns?“, fragte sie freundlich und sah mich leicht verunsichert an.

„Nein“, ich versuchte zu lächeln, „aber ich habe dich gerade durch die Tür kommen sehen und…“

Sei nicht so nervös, frag sie einfach!

„Ja?“ Sie blinzelte mich mit ihren wunderschönen grünen Augen an und meine Knie wurden weich.

„Naja… Ich- Ich fragte mich, ob Du vielleicht einen Kaffee trinken willst. Ich meine… mit mir?“, stotterte ich.

Ich war vollkommen eingeschüchtert von ihrer Schönheit. Ihre Kleidung und ihre elegante Art verrieten mir, dass sie aus einem reichen Elternhaus kommen musste. Was, wenn ich nicht gut genug für sie war? Begehe ich einen Fehler?

Sie musterte mich mit weichen Blicken und strahlte mich an. Nach einer gefühlten Ewigkeit antwortete sie: „Gerne. Ich bin neu hier in der Stadt und möchte sowieso neue Leute kennenlernen. Ich habe aber nur eine kaffeelänge Zeit.“

Ich konnte ihre Worte kaum glauben und war für einen Moment richtig sprachlos. „Äh – wow“, brachte ich gerade noch heraus und grinste bis zu beiden Ohren. Ich sah, dass sie meine Schüchternheit sehr amüsant fand. „Mein Name ist Marie“, sagte sie ruhig und hielt mir ihre Hand hin. Diese Geste kannte ich nur aus Filmen. Langsam griff ich nach ihrer ausgestreckten Hand und küsste ihren Handrücken. „Alfred“, wiederholte ich. Mein Kopf muss so rot wie eine reife Tomate gewesen sein. Ich deutete mit meinem linken Arm zum Tisch in der Ecke des Cafés und bat ihr den Stuhl mir gegenüber an.

Die Bedienung brachte Marie ihren Cappuccino und eine braune Tüte, die wahrscheinlich Torten oder Pralinen vor dem Regen draußen schützte. Ich wusste gar nicht, wie man mit so einer schönen Dame spricht. Sie wirkte so elegant, als gehöre sie in einen Palast, umgeben von Gold und Bediensteten und nicht in diese kleine, arme Stadt.

„So, Marie“, sagte ich und merkte, wie nervös ich immer noch war. Ich versuchte mich selbst zu beruhigen und atmete tief durch. „Was bringt dich in unsere abgelegene Stadt?“, fragte ich mit aufrichtiger Neugier.

Marie leerte ein Säcken Zucker in ihre Tasse und seufzte laut. „Die Arbeit meines Vaters. Er leitet ein großes Stahlunternehmen und eröffnet eine neue Fabrik ganz in der Nähe. Bist Du hier aufgewachsen?“, fragte sie mich schnell, als wolle sie das Thema wechseln.

„Ja ja“, antworte ich, „ich meine.. nein. Ich bin in einem kleinen Dorf nicht weit von hier aufgewachsen. Nachdem ich die Schule absolviert und meine Lehre als Fotograf abgeschlossen hatte, rief mich das Stadtleben. Ich wohne selbst noch nicht so lange hier, kenne die Stadt aber gut“, erwiderte ich.

Die Wahrheit war, dass das Leben als Fotograf hart war. Ab und zu wurde ich eingeladen, auf einer Hochzeit Fotos vom Brautpaar und den Gästen zu machen. Doch diese kleinen Aufträge deckten nicht einmal die Miete. Diese Not trieb mich in die Stadt. Hier war die Chance, mir einen Namen zu machen, größer und es gab es sogar eine Galerie, die Kunstwerke von verschiedenen Künstlern aus der Umgebung ausstellte und verkaufte.

„Oh, Fotograf?“, sagte sie voll Sehnsucht, „das klingt sehr interessant. Ich liebe die Kunst. Wenn ich die Zeit dazu finde, male ich gerne. Landschaften, Bäume und Tiere. Ich finde die Natur sehr inspirierend. Immer, wenn ich draußen sitze und die Farben des Sonnenuntergangs mische oder die Blätter eines Baumes studiere fühle ich mich so in Frieden mit diesem Leben.“

„Das klingt schön“, antwortete ich und nahm einen Schluck meines Kaffees. Er war bereits kalt geworden, doch heute störte mich das nicht. „Möchtest Du als Künstlerin bekannt werden?“

Marie kniff ihre Augenbrauen zusammen und das freundliche, weiche Gesicht, das vor wenigen Momenten noch strahlte, verdunkelte sich.

„Das habe ich nicht zu entscheiden“; sagte sie mit monotoner Stimme.

Verwirrt blickte ich sie an: „Was meinst Du damit?“

„Für mich ist bereits alles vorbestimmt. Welche Schulen ich besuche, was ich beruflich machen werde, wen ich heiraten werden, wo ich wohnen werde…

Ein Moment der Stille tat sich zwischen uns auf. Was sollte ich sagen? Doch noch bevor ich eine Antwort geben konnte, fuhr sie fort: „Ich wünschte, ich hätte etwas mehr Spaß. Jeder Tag scheint gleich, egal, wo ich bin.“

Ich konnte die Traurigkeit in ihrer Stimme hören. Sie strich sich eine Haarsträhne, die aus ihrem Zopf gefallen war, hinter ihr Ohr und sah mich mit großen Augen an. „Entschuldige. Ich kenne dich kaum und schon teile ich meine Sorgen mit Dir. Verzeih mir. Du sagtest, Du wärst Fotograf?“ Sie sah etwas beschämt auf ihre Tasse hinunter. Am liebsten hätte ich ihre Hände in die meinen genommen.

„Ja, mein Onkel hat mich gelehrt. Er war erfolgreicher Fotograf und reiste um die ganze Welt. Seine Bilder wurden sogar in vielen Magazinen gedruckt. Nachdem meine Eltern starben, als ich 5 Jahre alt war, nahm er mich in seinem leeren Haus auf. Er war bereits in Pension und seine Frau lebte schon seit einem Jahrzehnt nicht mehr. Darum hat er all seine Energie und Zeit in meine Erziehung gesteckt und mir alles über die Welt der Fotografie gelehrt.“

Ich sah, dass sie ehrlich interessiert an meiner Geschichte war und aufmerksam zuhörte. Darum fuhr ich fort.

„Doch als auch er vor nur wenigen Wochen verstarb, war ich allein. Ich habe keine Geschwister und nie war meine Familie recht groß. Ich bin sehr dankbar für alles, was er für mich getan hat.“

„Es tut mir leid, vom Ableben Deines Onkels zu hören“, sagte sie mit großem Mitgefühl. Ihre grünen Augen glitzerten im trüben Licht des Cafés. Ich war selbst überrascht von meiner Ehrlichkeit. Immerhin wirkte mein Leben dadurch noch unglamoröser, als man vielleicht annahm, wenn man meine geflickten Hosen und ausgewaschenen Oberteile sah.

Als könnte sie meine Gedanken lesen, sagte sie mit Stärke in ihrer Stimme: „Ich liebe Deine Authentizität. In meiner Welt ist Ehrlichkeit nicht selbstverständlich. Jeder stellt sich immer besser dar, als er wirklich ist. Die Meinung anderer ist wichtiger als alles andere. Manchmal sogar wichtiger als die Wahrheit.“

„Mein Onkel sagte immer, ein ehrliches Leben sei ein gutes Leben“, erinnerte ich mich und Marie lächelte.

„Meine Mutter hasst das Reisen, aber sie würde es nie zugeben. Ich merke, wie sehr sie die Aufmerksamkeit liebt, wenn sie von der Kultur, der Kleidung und dem Essen spricht, das sie auf ihren Reisen kennengelernt hat. Tief im Inneren würde sie aber am liebsten in unserem Haus in Norditalien bleiben, in dem ich aufgewachsen bin und Hunde züchten, Ziegen melken und sich um den Gemüsegarten kümmern. Sie gibt es zwar nicht zu, aber ich erkenne es in ihren Augen.“

Ich nickte. Diese Welt war mir neu, aber es wirkte, als wäre sie im goldenen Käfig gefangen.

„Es hat aber auch gute Seiten“, fuhr Marie fort und klang fröhlicher als zuvor, „meine Mutter ist hier ganz in der Nähe geboren worden, bevor sie meinen Vater kennenlernte und nach Italien zog. Ihre Mutter, meine Großmutter, wohnt eine Stunde von hier entfernt und ich habe sie noch nie persönlich getroffen. Sie ist eine wundervolle Frau. Manchmal schickt sie mir eine Geburtstagskarte per Post, aber gesprochen habe ich mein ganzes Leben lang nicht mit ihr. Morgen lerne ich sie persönlich kennen. Ich kann es kaum erwarten.

„Das klingt wunderbar“, antwortete ich und nahm einen Schluck von meinem kalten Kaffee.

Marie blickte auf ihre Armbanduhr und erschrak. „Oh, entschuldige Alfred, aber ich muss los. Meine Eltern warten bereits auf mich“ Sie stand auf und nahm die Tüte voll mysteriösem Gebäck in die Hand.

„Können wir uns wiedersehen?“, fragte ich mit großen Augen und sprang auf, um ihr die Hand zum Abschied zu küssen. Ich war ganz verzaubert von unserer Begegnung. Unter der Eleganz versteckte sich ein Mädchen voll Neugier auf die Welt.

Marie grinste, sah mir tief in die Augen und sagte selbstsicher mit einem Hauch Aufregung in ihrer Stimme: „Gerne. Treffen wir uns am Freitag um vier Uhr nachmittags hier vor dem Café, ja?“

„Pass auf wo Du hinläufst!“, brüllte ein wütender Hundebesitzer, auf dessen Zwergpinscher Alfred gerade fast getreten war. Er wurde erneut aus seinen Gedanken gerissen und entschuldigte sich sofort bei dem Mann und mit einem irritierten Grinsen auch bei dem Hund.

Alfred blickte um sich und realisierte, dass er mitten am Hauptplatz der Innenstadt angekommen war. Es hatte bereits aufgehört, zu Schneien. Er hörte Kinder lachend Schneebälle werfen, sah die bunten Kleider in den Fensterscheiben der Geschäfte und Menschen, die sich mit einer Tasse Glühwein um ein Lagerfeuer versammelten. Als er die dunkle, schwere Sitzbank aus Holz unter einem großen Baum neben einem kleinen, schneebedeckten Brunnen erblickte, bemerkte er plötzlich seine schmerzenden Beine.

Er musste erschöpft wirken, denn eine Dame vom Lagerfeuer kam zu ihm rüber und drückte ihm eine Tasse Glühwein in die Hand. „Damit Ihnen warm wird“, sagte sie mit einem bemitleidenden Lächeln und kehrte zum Lagerfeuer zurück, an dem lautes Gelächter herrschte. Alfred freute sich insgeheim über den Glühwein, auch wenn die Dame ihn wahrscheinlich für obdachlos gehalten hatte.

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