Ich kenne Zustände der Lähmung und des Rückzugs sehr gut. Besonders bekannt ist mir das Aufschieben, das Weglaufen, das Abwehren.
Doch in letzter Zeit spüre ich eine andere Art Schwere.
Ganz ungewohnt fühle ich in den letzten Monaten in meinem Leben keinen depressiven Schleier und keine schwarze Wolke über mir.
Es ist ein Ausgelaugt-sein, wie ich es kaum kenne. Erschöpfung, die nicht von Anstrengung herrührt. Sie kommt auch nicht von Problemen oder Herausforderungen.
Sie kommt von der Ziellosigkeit, mit der ich durch den Alltag treibe.
Immer weiter weg von meinen Zielen, so scheint es. Obwohl ich an dem Fundament dafür arbeite.
„Ich sollte mehr Schreiben“, tönt es in meinen Gedanken ab und zu. Doch mein letzter Beitrag hier war vor fast einem Jahr. Das letzte Mal Wort schrieb ich im Juni in mein Buch.
Wenn meine Seele kreativ sein will, aber das Leben von mir verlangt, zu funktionieren – wem gehorche ich?
Das letzte Jahrzehnt war der Sinnsuche gewidmet. Ich wollte naiv und grün im Kopf meinen Lebenssinn finden. Idealistisch dachte ich, glücklich sein zu können. Es fehlte nur dieses eine Puzzleteil. Ich musste nur wissen, welche Schritte ich setzen musste.
So zog ich von Anstellung zu Anstellung, von Land zu Land, von Wohnung zu Wohnung. Nirgends schien viel Sinn dahinter zu sein.
Und jetzt – meine 30er Jahre rücken immer näher – denke ich weniger an Sinn und mehr an Stabilität. Wäre ich doch nur direkt nach der Schule bei der Bank geblieben… Hätte ich mit 20 schon investiert… Würde ich mit meinem Bausparer und der Pensionsversicherung und dem Portfolio schon wo anders stehen…
Desto älter ich werde, desto weniger weiß ich. Desto weniger wird mir klar.
Auch meine Ziele scheinen nur ein Zeitvertreib, um nicht verrückt zu werden. Hauptsache, nach vorne bewegen ist das Motto. Sich selbst nicht zu viel Zeit zum Nachdenken zu geben. Jeden Tag in die Arbeit gehen, um Essen zu können, um Tanken zu können, um Wohnen zu können.
Und dann?
Wo sollen meine Worte hinführen?
Morgen muss ich wieder meine Wäsche waschen und nächste Woche wieder und nächste Woche wieder und nächste Woche…
Ich lebe für die kleinen Momente. Wenn die Jahreszeiten die Landschaft bemalen. Die Hochzeit meiner Cousine. Eine kurze Reise nach Budapest.
Jetzt arbeite ich als Kellnerin, um mir mein Studium zu finanzieren und in 5 Jahren sitze ich dann wieder in einem Büro einer Bank. Und am nächsten Tag wieder, und am nächsten Tag wieder, und am nächsten Tag…
Doch dann kann ich besser Essen, besser Tanken, besser Wohnen.
Ist das der Sinn, den ich suchte?
Und was ist mit meinen Worten?
Was denkst du?