Völlig unerwartet wurde ich mit zwanzig Jahren noch einmal Schwester. Die Geburt war für meine Mutter nicht leicht und ich hielt meinen kleinen Bruder daher erst in den Armen, als er bereits einen Tag alt war. Seine roten Backen und sein feines, blondes Haar, die winzigen Finger und seine Hilfslosigkeit durchfluteten meinen Körper sofort mit mütterlichen Gefühlen. Er stand noch am Anfang seiner Reise. Seine Speicherplatte war noch leer.
Er wurde noch nie verletzt, noch nie enttäuscht. Er fühlte sich noch nie einsam oder beschämt oder wütend. Er musste noch nie Ungerechtigkeit erleben oder um eine geliebte Person trauern. Der einzige Schmerz, den er in seinem kurzen Leben spürte, war die Trennung vom warmen Mutterbauch.
Ich sah in seinen dunklen Kulleraugen eine Chance.
Als ältere Schwester konnte ich ihn ins Glück führen. Ich würde ihn vor all dem, das mich verletzt hatte, beschützen können. Ich könnte ihm lehren, seine eigenen Gefühle zu verarbeiten, immer ein offenes Ohr und Herz für ihn haben, ihm Geduld, Aufmerksamkeit und vor allem Liebe schenken. Mit mir würde er niemals die Einsamkeit spüren müssen, unter der ich selbst lange litt.
Was ich nicht ahnen konnte, waren die Lektionen, die er mir brachte. Durch ihn erkannte ich wahre Achtsamkeit, Lebensfreude und Ehrlichkeit. Er lehrte mich, wie schön ein Lächeln sein kann, dass man für Spaß nicht mehr als die eigene Fantasie benötigt und wie tragisch eine Träne sein kann, wenn sie aus dem Auge einer geliebten Person kommt.
Auch sechs Jahre später sind diese Versprechen für mich eine Priorität. Er schläft bereits seit 20:00 Uhr auf der Matratze neben meinem Bett. Ich sehe das sanfte Nachtlicht, das durch den Türspalt scheint und höre das leise Hörbuch, das er sich heute zum Schlafen ausgesucht hat.
Auch seine Träume sehe ich vor mir: Gemeinsam mit seinem grauen Hundestofftier und zwei verzauberte Schwerter bekämpft er gerade das böse Monster, das die Stadt zertrümmern möchte.
Er ist mutig, voll Abenteuerlust und kindlicher Naivität.
Ich weiß, was morgen auf uns zukommen wird. Er wird aufwachen und mit mir eine große Schüssel Schokomüsli essen. Er wird mich als große, coole Schwester bewundern, mit der er in die Stadt fahren und seine Zeit an den Spieleautomaten verbringen kann. Er wird sich freuen, mich zu sehen, wird bei mir übernachten wollen und meine Ratschläge und Hinweise als die Wahrheit annehmen.
Doch was passiert in zehn Jahren, wenn er zum Teenager wird? Ich spüre die Angst und die Ablehnung, die mit dem Bild einer uncoolen und zu alten Frau mitschwingen. Würde ich es verkraften, meinen kleinen Bruder an die Welt zu verlieren?
Die Erinnerungen an die Tage, an denen ich seine Windeln wechselte, werden dann nur noch in meinem Kopf zu Hause sein.
Doch ich sehe uns beide, gemeinsam, er 20 und ich 40 Jahre alt. Egal, was er dann macht, er wird niemals allein sein. Und hoffentlich wird er dann seine eigenen Kindheitsgeschichten erzählen und wer weiß? Vielleicht bin ich darin eine Heldin.
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