Gedicht: „Genosse Bartleby“ von Hans Magnus Enzensberger

Folgendes Gedicht wurde vom deutschen Dichter Enzensberger geschrieben, der erst im letzten Jahr verstarb. Passend zur angehenden Winterdepression seine Worte:

„Ich möchte lieber nicht.“
So fängt es an, unscheinbar,
eines Morgens. Es ist ja nur
die Krawatte, was würgt,
der Kontoauszug; was stört, ist,
dass das einzige Tier,
das sich immerzu wäscht,
sich immerzu waschen muss;

auch die unermüdliche Dummheit
da draußen ist es,
der unbesiegbare Krach,
was es zermürbt, das einzige Tier,
das sich feiern lässt,
nicht dafür, dass es geboren ist,
einmal im Jahr, nein, dafür,
dass es Tag für Tag wieder aufsteht,
rätselhaft, bis zur Rente.

Es bleibt nicht liegen.
Gegen die größeren Nackenschläge
sträubt es sich, meutert
gegen den Hunger. Der Hunger
möchte, möchte. Er
macht die Knochen leicht.

Nein, die Erleuchtung
kommt nach dem Essen.
Apathische Anfälle,
die wiederkehren mit siebzehn,
wie die Grippe, mit siebenunddreißig,
mit achtzig, immer von neuem:
„Ich möchte lieber nicht.“

Zu müde, um das Messer
in die Hand zu nehmen.
Ein paar Tage lang
mit dem Kopf zur Wand
oder drei Wochen, dann
mit wankenden Knien
der erste Gang zum Waschbecken,
zum Kleiderschrank, zurück
zu den ewigen Werbespots
für Mord und Totschlag.

Was denkt ihr meint er mit dem Ausdruck: „Die Erleuchtung kommt nach dem Essen“?

9 Antworten auf „Gedicht: „Genosse Bartleby“ von Hans Magnus Enzensberger

Add yours

  1. Es kommt ja danach: „Apathische Anfälle, die wiederkehren mit siebzehn“. Für mich wird hier eine Essstörung beschrieben. „Die Erleuchtung kommt nach dem Essen“, indem der Finger in den Hals gesteckt wird. Aber ich kann mich auch irren in meiner Auslegung. Doch Enzensberger selbst hat einmal einen Aufsatz geschrieben: „Bescheidener Vorschlag zum Schutze der Jugend vor den Erzeugnissen der Poesie“, worin er postuliert, dass jeder mit einem Gedicht machen kann, was er möchte .. Der Aufsatz ist im Internet verfügbar. LG Sven ❤

    Like

    1. Danke für deine Worte. Ich finde es echt faszinierend, dass wir alle die selben Zeilen lesen und vollkommen unterschiedliche Themen raushören 🤗

      Like

  2. Wenn man satt ist, wird man träge. Ich kenne das bei Mittagspausen. Da will man auch nicht an die Arbeit zurück. Man sagt sich dann: ich möchte lieber nicht und geht trotzdem wieder arbeiten und spätestens am Abend ist man wieder hungrig. Wie immer bei Gedichten, ist die Interpretation immer ein persönliche Angelegenheit und daher sehr vieldeutig. Das Gedicht passt auf jeden Fall zu meinem Alltag und dem Alltag vieler Menschen…eine lyrische Umschreibung des Hamsterrades.

    Gefällt 1 Person

  3. ich lese das gedicht zum ersten mal. es ist sehr … es hat sehr viele schichten … mehrere erzählebenen, zumindest lese ich es so. im grunde ist es ein ringen, innen, außen. und er hofft auf die erleuchtung irgendwie … einen durchblick, eine klarheit vielleicht. doch im hunger zu sein, beschäftigt zu sein, … das erlaubt diese erleuchtung noch nicht, erst nach dem essen kehrt ruhe und verdauung ein, dann vielleicht. ich denke, es ist ironisch gemeint. das mal als leseeindruck von mir. liebe grüße!

    Gefällt 1 Person

      1. sehr gerne! berührt hat es mich nicht, jedenfalls nicht emotional, aber beschäftigt, was ja auch eine art berührung ist, aber anders als die andere art. du weißt schon, wie ich es meine. 🙂 liebe grüße zurück! und ich freue mich, dass du mit meiner interpretation etwas anfangen kannst.
        magst du mir deine gedanken zu deiner eigenen fragestellung mitteilen? würde mich sehr freuen, wie du es verstehst bzw. verstanden hast oder eben auch nicht verstanden hast.

        Like

        1. Achso okay 🙂 Ich interpretiere das Gedicht als Ausdruck einer depressiven Phase. Anfangs konnte ich mit der erwähnten Zeile nichts anfangen. Ich habe das Gedicht aber ein paar Mal gelesen und würde sagen: Erst, nachdem er sich wieder um sich selbst kümmerte und seinen Bauch füllte, konnte er wieder positiv denken bzw. seinen Zustand reflektieren. Zuvor war er vom Hunger kontrolliert und gelenkt. Als er satt war, hatte er eine andere Perspektive auf die ganze Situation. 🥰

          Gefällt 1 Person

Was denkst du?

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑