10. Noch eins

Sein Vater trank jeden Tag ein Bier, manchmal zwei, oft drei, meistens aber mehr als vier. Dann kam er nach Hause und schlug seine Mutter. Der Sohn kannte es nicht anders und wusste doch, dass es nicht richtig war.

„Ich bin nicht wie mein Vater“, sagte er zu mir und ich glaubte ihm. Ich sah das Potenzial in dem netten jungen Mann, der vor mir stand.

Mein erster Freund war ein verletztes Kind. Sein lachendes Gesicht versuchte in jedem Moment, den Schmerz dort zu behalten, wo er immer war – tief innen vergraben. Er hatte es nicht leicht und ich sah das. Ich dachte, ihm helfen zu können, weil meine Empathie es ihm schuldete.

Er liebte es, mit seinen Freunden auszugehen. Zu dieser Zeit lernte ich Alkohol als Freund einer feierlichen Nacht zu schätzen. Meine Grenzen waren noch nicht ausgetestet. Für meinen Freund allerdings schien es langsam immer weniger Grenzen zu geben, bis kaum noch welche vorhanden waren.

Immer öfter kam er stark betrunken nach Hause und war am nächsten Tag zu nichts zu motivieren. Er experimentierte mit Drogen und fing bald an, jeden Abend nach der Arbeit einen Joint zu rauchen. „Möchtest du auch?“, fragte er mich und hängte mir so eine Sucht an.

Bis heute quälen mich Schuldgefühle, weil auch mein Bruder von der Welle des Glücks, die man während dem Rauchen verspürt, mitgenommen wurde.

Mein Freund trank immer mehr. Bald verging kein Tag, an dem er nicht mindestens ein Bier in der Hand hielt.

Als ich eines Abends high auf dem Bett saß und auf meinen betrunkenen Freund wartete, kam ich mir plötzlich ziemlich dumm vor. Ich sah mich selbst als ältere Frau, er an meiner Seite. Ich hatte das Gesicht seiner Mutter und er das seines Vaters. Er war dick, ungesund und betrunken, während er auf mein zartes, von Traurigkeit geprägtes Gesicht einschlug.

Mein Freund kam ins Zimmer und zum ersten Mal in der Beziehung waren mir meine eigenen Gefühle wichtiger als die seinen. Noch nie war eine Antwort so klar. Mit einem leichten Lächeln, das dieses neue Selbstwertgefühl auslöste, machte ich mit ihm Schluss.

Verärgert stürmte er aus dem Haus und etwas Tiefsitzendes in mir wurde aktiviert. Ich lief ihm hinterher, doch es war schon zu spät. Er stieg ins Auto und fuhr davon. Schon wieder stand ich auf der Straße und bettelte einen Mann an, bei mir zu bleiben.

Jahre später hörte ich wieder von ihm. Er lebt jetzt in Wien mit seiner neuen Freundin. Er war tiefer in die Drogenszene geraten und wäre kaum nüchtern. Die schlaflosen Nächte, die Substanzen, selbst seine kreisenden Gedanken konnte man in seinen müden Augen erkennen.

Nur weil du Leid erkennst, ist es nicht automatisch deine Verantwortung.

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