Eine Schar Kinder war im Wohnzimmer meiner Großmutter versammelt. Cousins, Cousinen, Geschwister und andere Verwandte waren da. Es musste an diesem Tag etwas Großes passieren, dachte ich, doch wir Kinder durften nicht dabei sein. Wir mussten den Nachmittag mit den alten Spielzeugen bei geschlossenen Vorhängen verbringen und nur eine der Erwachsenen war wie ein Wachhund für uns da.
Aus dem Hof des Bauernhauses drangen ständige Geräusche und ich wurde, wie es für Kinder üblich ist, von meiner Neugierde eingenommen. Verstohlen blickte ich hinter den Vorhang. Dort sah ich mehrere Menschen, die neben einem Schwein standen. Es hing kopfüber auf einem großen Haken und bewegte sich nicht. Mein Großvater nahm ein Messer und schnitt ihm die Kehle durch. Das Blut strömte in eine Rinne unter dem Haken.
Daneben kam ein Erwachsener mit einem weiteren Schwein aus dem Stall. Es quiekte und schrie um sein Leben, doch es bekam mit einer Waffe einen Bolzen durch die Schädeldecke geschlagen.
Plötzlich wurde der Vorhang wieder zugezogen. „Du sollst doch nicht rausschauen!“, sagte die Erwachsene streng und ich setzte mich wieder zu den anderen Kindern, die von dem Tod der Schweine nichts mitbekamen.
Jahrzehnte später spazierte ich als Touristin allein durch die spanische Stadt Barcelona, als mich der Hunger zu dem bekannten und riesigen Lebensmittelmarkt La Boquería zog. Der Seiteneingang führte mich direkt zu den Fleischständen. Noch nie in meinem Leben habe ich so viel Fleisch an einem Ort gesehen.
Nicht nur Filets und Hühnerflügel, auch ganze Rinderbeine und Ferkel konnte man hier kaufen. Nicht unbedingt, was ich mir vorgestellt hatte. Meine Suche nach einem essfertigen Gericht führte mich durch die nicht zu enden scheinenden Gänge der Fleischabteilung. Plötzlich stand ich in einer Sackgasse vor einem Händler, in dessen Auslage etwas präsentiert wurde, das mich überraschte: der Kopf eines Kalbes.
Ich sah seine leblosen und blassen Lippen, seine geschlossenen Augen und die Haut, die wie Wachs wirkte. Das Bild des Kalbes, das mit seiner Mutter über eine Wiese lief, überflutete meinen Kopf. „Du bist noch ein Kind“, dachte ich und Tränen sammelten sich in meinen Augen.
Ich wendete mich von dem abgetrennten Kopf ab, weil mein Magen flau wurde. Jemand hat ihm das angetan, und ein anderer zahlt dafür, vielleicht sogar ich selbst. Immerhin galt Kalbsschnitzel als eine Delikatesse. Mit schnellen Schritten verließ ich den Markt.
Stark erschüttert von dieser Realisation beschloss ich an diesem Tag am Straßenrand Barcelonas, dass ich ab nun Vegetarierin sein werde. Nie wieder muss ein Kind für mich sterben, egal welcher Spezies es angehörte. Dieses Versprechen halte ich bereits seit sechs Jahren ein.
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