Ihre weißen, kurzen Locken, ihre dicke Brille, die roten Backen und das selbstlose Lächeln. Das sehe ich, wenn ich an meine Großmutter denke. Sie schmiert am Küchentisch sitzend ein Erdbeermarmeladebrot mit Butter und ich erinnere mich an die ungeteilte Aufmerksamkeit, die sie mir schenkte.
Jeden Sommer verbrachten mein Bruder und ich bei unseren Großeltern, während unsere Eltern arbeiteten. Wir freuten uns immer sehr darauf, denn die Freiheit eines Bauernhofes kann man nicht mit der eines Hauses in einer Siedlung vergleichen.
Obwohl der Großvater, selbst eine gequälte Seele, im Alltag kaum präsent war, sich lieber in seiner Werkstatt oder am Feld aufhielt, habe ich auch an ihn schöne Erinnerungen. Er hob uns in eine Schubkarre, setzte ein paar junge Ferkel auf unseren Schoß und fuhr uns damit über den Hof.
In der Küche war das Motto meiner Großmutter: Verwende alles, verschwende nichts.
Sie war ein Kind des Zweiten Weltkriegs. Ihre Ansichten waren geprägt von Armut, Leid und Hunger. Ein Hunger, den ich mir heute so nicht vorstellen kann. Ein Hunger, der dich schimmeliges Brot essen lässt.
Auch später, nach der Jahrhundertwende, als es selbst Luxusartikel wie Schokolade schon lange im Überfluss gab, konnte sie dieses Denken nicht zur Ruhe legen.
Ich erinnere mich an eine Schüssel Schokoladeneis als Nachspeise, für sie eine Rarität, für mich nichts Besonderes. Eis gehörte zum Sommer dazu. Wir waren verwöhnt, ohne zu wissen, welchen Luxus wir genossen.
Fröhlich schaufelte ich das dunkle, süße Eis in meinen Mund. Doch mit einem entsetzten Blick hielt meine Großmutter ihre Hand über die Schüssel und sagte: „Warum schlingst du so? Das ist Schokolade! Lass sie langsam in deinem Mund zergehen und genieße den Geschmack.“
Zu dem Zeitpunkt verstand ich nicht, warum sie so reagierte, doch je älter ich werde, desto weiser finde ich diesen Hinweis.
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