4. Vertraute Nachbarn

Wie viele Menschen erkennen, dass eine liebevolle Familie ein wahres Privileg ist? Erst später im Leben wurde mir bewusst, wie sehr ich es genoss, diese Familie direkt im Haus nebenan zu haben. Unsere Nachbarn waren mein größtes Glück – die Schwester meiner Mutter und deren Familie.

Zwei Mädchen lebten dort, die nur wenige Jahre jünger waren als ich, und so teilte ich meine Kindheit nicht nur mit meinem Bruder, sondern auch mit meinen beiden Cousinen, die lange Zeit wie Schwestern für mich waren. Es gab zwei Väter und zwei Mütter und doch ging jeder nach einem langen Tag des Spielens zurück in sein eigenes Haus.

Mein Bruder und ich teilten uns in dem Haus meiner Mutter einen kleinen Balkon, der unsere Zimmer verband und die Hauswand der Nachbarn überblickte. Auf derselben Höhe gegenüber dem Balkon befanden sich zwei Fenster, die in zwei Zimmer führten – die unserer Cousinen.

Wir träumten von einer Brücke, die unsere vier Zimmer verbinden würde. So müssten wir nie wieder raus gehen, um zu spielen. Auch ein Seilzug war lange Zeit Thema unserer Gespräche. „Wie cool wäre es, wenn wir mit einem an einem Seil befestigten Eimer Dinge hin und her transportieren könnten?“, fragten wir uns.

Kinder überlegen oft nicht lang. Kurzerhand haben wir einen Prototyp gebaut. Es war eine einfache, dünne Schnur und ein kleiner Plastikeimer aus dem Sandkasten, der nicht mehr als ein halbes Kilo tragen konnte, ehe die Schnur riss. Doch das größte Problem war die Montage.

Mein Bruder band einen Stein an die Schnur, stellte sich auf den Balkon und begann, in die offenen Fenster unserer Cousinen zu zielen. Ein paar Mal traf er die Hausmauer oder das Glas der Fenster, bevor unsere Tante von unserem Vorhaben mitbekam.

So wie wir die Zimmer verbinden wollten, verbanden die Erwachsenen die Gärten mit einem kleinen Gartentor aus Metall. Man konnte von unseren Zimmern aus hören, wenn es geöffnet wurde, und so liefen wir ein und aus, um zu spielen und das Leben zu genießen.

Nun sind alle Zimmer hinter den Fenstern leer.

Die Erwachsenen, einst Mitte Zwanzig, sind bereits in ihren Fünfzigern angekommen und jagen schon lange keinen Kleinkindern mehr hinterher. Ruhe kehrte ein in den benachbarten Häusern und das Gartentor quietschte immer seltener, bis das Efeu es einnahm.

Zwanzig Jahre später findet zur Überraschung aller ein Nachzügler in dem alten Zimmer meines Bruders ein warmes Zuhause. Doch daneben ist es still und gegenüber warten leere Zimmer auf ein neues Leben. Es gibt keinen, der das Fenster öffnet und ihm zuruft. Auf der anderen Seite des Gartentors wartet niemand auf ihn.

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