3. Viel zu weit weg

Ich saß ganz oben auf der letzten Stufe der Stiege.
Meine Mutter hatte mich und meinen Bruder bereits ins Bett gebracht, uns eine Geschichte vorgelesen und einen Kuss auf die Stirn gedrückt. Doch der Lärm ließ mich nicht schlafen.

Mein kleiner Bruder kam langsam aus seinem Zimmer. Ich sah in seinem zerknitterten Gesicht, dass er schon geschlafen hatte. Mit seinem Teddybären in der Hand setzte er sich wortlos neben mich.

Viele Nächte hatten wir so verbracht. Die gedämpften Diskussionen aus der Küche im Erdgeschoss waren zu laut, um erholsam zu schlafen. Aufgebrachte Stimmen verwandelten sich in Schreie, verwandelte sich in Gekreische, verwandelte sich in Dinge, die gegen die Wand flogen.

„Morgen lernen wir den Buchstaben K“, flüsterte mein Bruder, doch plötzlich öffnete sich die Küchentür und die Stimmen wurden lauter.

„Lass mich doch einfach in Ruhe!“, schrie mein Vater aufgebracht.

„Wieso bist du so zu mir?“, weinte unsere Mutter. Wir hörten, dass sie sich beim Sprechen die Hand über den Mund hielt.

„Du spinnst doch! Ich halt das nicht mehr aus. Ich muss weg!“, schrie mein Vater. Er kam der Stiege näher und mein Bruder und ich standen auf, bereit in unsere Zimmer zu huschen. Doch er entfernte sich wieder.

„Was soll das jetzt? Du bist so ein Arschloch!“, schrie meine Mutter wütend. So wütend hatte ich sie nur einmal erlebt.
Ich musste etwas Schlimmes angestellt haben, denn ich erinnere mich noch an die strenge Hand, die meine unter der ihren zerdrückte. Keine Lektion, nur der Schmerz blieb.

Auch in dieser Erinnerung bleibt nur der Schmerz, als mein Vater zur Haustür hinausstürmte.

Panisch brach ich die unausgesprochenen Regeln, die mein Bruder und ich während dieses nächtlichen Rituals vereinbart hatten und rannte die Stufen hinunter. Ich fühlte, wie ernst dieser Moment war.

Meine Mutter stand zu weit weg, fand ich. Sie betrachtete mit roten Augen, einem feuchten Gesicht und Verachtung in ihren Augen den Mann, der für sie wie ein Fremder wirken musste und gab einfach auf.

Mein Vater war bereits zur Tür raus und stürmte aufs Auto zu.

„Papa, warte!“, flehte ich, jetzt auch mit Tränen in den Augen. Er hörte mir nicht zu. „Ich muss weg“, sagte er und knallte die Autotür zu.

Das war’s. Ich werde ihn nie wieder sehen, dachte ich. Es ist vorbei. Ich habe meinen Papa verloren.

Ich war viel zu jung, finde ich.

Mein kleiner Bruder saß immer noch auf der Stufe oben und rührte sich nicht.

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