„Ich habe was gefunden!“, flüsterte mein Bruder aufgeregt. Wir schlichen durch die Werkstatt unseres Vaters auf der Suche nach Nägeln, Holz und allem, was uns sonst noch so helfen könnte. Mit vollen Händen rannten wir zu dem kleinen Streifen Wald, der zwischen zwei Feldern stand.
Man erzählte sich unter den Kindern, dass der Bauer ein sehr wütender Mensch sei. Sollte er uns hier erwischen, würde er uns verprügeln oder mit der Mistgabel über die Felder jagen. Einmal habe ich das Skelett eines Schafes auf seiner Wiese entdeckt. Das war wie Benzin für den Motor, der aus Theorien über den alten Bauern bestand.
An diesem Baumhaus haben schon Generationen von Kindern gebaut. Immer mit heimlich geborgten Hämmern, Sägen und Brennholz der Eltern.
Dieses Generationserbe war trotz stetiger Weiterbauten eine ziemliche Bruchbude. Dicke Äste wurden auf 30 Zentimeter Stücke gekürzt und an den Baum genagelt, sodass sie als Leiter dienten. Oben wurde an jeder Ecke immer ein wenig weitergewerkelt. Alles war schief und überall standen lange Nägel heraus.
Doch dieses Bauwerk war der größte Erfolg meiner Kindheit. Noch nie war ich so stolz auf etwas. Von oben hatte man einen Weitblick über die Felder und konnte in Ruhe Rehe, Hasen und Vögel beobachten.
Es war auch der Schauplatz verschiedener Kämpfe zwischen Freundesgruppen. Infolge dieser kleinen Kriege bildeten sich mehrere kleinere Baumhäuser rund um das Haupthaus. Wir hatten eine neue Welt erschaffen.
Manchmal nahm ich Süßigkeiten mit und aß sie mit meinem Bruder und unseren Freunden auf dem Holz sitzend. Wir diskutierten über die Zukunft unseres Waldes und fürchteten uns vor dem Bauern, der uns jederzeit verscheuchen konnte.
Jemand wollte Wände bauen, ein anderer einen Balkon. Ich wollte ein Dach, damit wir dort nachts auch mal schlafen könnten. Wir lebten und träumten, wie es nur Kinder können.
Jahre später, als der Zauber der Kindheit dem Verantwortungsbewusstsein einer Erwachsenen wich, besuchte ich den Ort wieder.
Es kamen immer weniger Kinder in den Wald und schließlich wurde bereits vor langer Zeit der letzte Nagel in den Baum geschlagen. Das Haupthaus war morsch geworden und die meisten Teile lagen auf dem Boden. Von den Nebenhäusern war nichts mehr zu sehen.
Die einzige Erinnerung an die damalige glorreiche Zeit, in der die Kinder den Wald regiert haben, bin ich.
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