Die Bettler Steyrs

Die Menschen im Internet reden bereits von Halloween und dem Herbstanbruch, während für mich noch Hochsommer herrscht. Aber wahrscheinlich sind die Leute im Internet nicht unbedingt solche, die ihre Lebenszeit draußen verbringen. Darum erlaube ich es mir, an den Sonnenstrahlen festzuhalten.

Grund dafür sind die wochenlangen Regenperioden, die Anfang und Mitte des Sommers meine warmen Gefühle rasch wieder abkühlten.

Doch als ich heute im Stadtpark saß und Sylvia Plath’s „The Bell Jar“ las, merkte ich bereits um 16:00 Uhr trotz der warmen Sonne eine gewisse gemütliche Stimmung, die mit den orangen Blättern der Bäume einhergeht. Sie scheinen sich wegen der Regentage an der Jahreszeit zu irren und lösen sich bereits Mitte August von ihrem Grün.

Ich blickte mich im Park um und dachte darüber nach, dass dieser Sommer mein letzter hier ist. Zwei Jahre lang hatte ich das Privileg, die wunderschöne österreichische Stadt Steyr mein Zuhause zu nennen.

Das nahende Ende des Sommers und Plaths depressiver Charakter machten mich ein wenig traurig. Doch mein Blick wurde rasch auf die Frau gelenkt, die auf mich zukam. Ich kenne sie. Ihr Gesicht habe ich rund um die Altstadt Steyrs schon unzählige Male gesehen.

Sie streckte ihre Arme aus und murmelte vor sich hin. „Bitte, Geld. Ich bin schwanger. Ich habe kleine Kinder. Hunger. Bitte, nur einen Euro.“ Circa einmal im Monat werde ich von genau dieser Frau angesprochen. Sie war vor einem Jahr auch bereits angeblich schwanger, ihr Bauch wuchs aber nie über die jetzige Größe hinaus. Wenn man ihr auf der Straße begegnet, mit den neuen und sauberen Turnschuhen und dem Handy in der Klapphülle, würde man sie keineswegs für obdachlos oder eine Bettlerin halten.

Da frage ich mich: Wer gibt diesen Menschen immer wieder Geld? Würde sich dieses Betteln nicht lohnen, würden sie nicht jeden Tag durch die Straßen ziehen.

Ein klares „Nein“ und ein abgewandter Blick lassen die Frau schnell wieder verschwinden. Anfangs hatte ich Mitleid mit ihnen. Ich gab ihnen zwar kein Geld, aber ich wies sie zu Nothilfestellen wie das Obdachlosenheim und das AMS. Das kam bei ihnen aber gar nicht gut an.

Leider haben diese Menschen kein Interesse daran, sich ein erarbeitetes Leben aufzubauen und als ich eines Tages vier Mal von der selben Bettlergruppe in einem Gastgarten Steyrs belästigt wurde, verlor ich jegliches Mitgefühl.

Sie wurden ein wenig zu einem gelegentlichen lästigen Ereignis während meinen Erledigungen in der Stadt.

Trotzdem gehören sie zum Leben hier ein wenig dazu und jetzt, wo mein Ende hier naht, werde ich auch bei meinen Gedanken zu den Bettlern Steyrs nostalgisch. Sie waren trotzdem ein winziger Teil meines Erlebnisses in dieser Stadt, sie prägten meinen Eindruck aufs Leben und formten meine Meinungen über andere Menschen.

Woran werde ich mich in zehn Jahren erinnern, wenn ich auf diese Zeit zurückblicke? Ihre Gesichter werden bis dahin in der Zeit verloren sein.

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