„Und der Wind weht frei“ von Loula Grace Erdman

In den letzten Wochen sah mein Lesen so aus: Ich nahm eines der 77 ungelesenen Bücher aus meinem Regal, begann mit den ersten Seiten und legte es nach ein paar Tagen zurück. Ich fand zu keinem dieser Werke eine Verbindung, weshalb Motivation und Interesse mich nach den ersten Seiten verließen.

Dann kam es: „Und der Wind weht frei“ von Loula Grace Erdman, erstmals veröffentlich 1952. Gefunden habe ich das Buch im Stapel, den meine Mutter auf dem Flohmarkt verkaufte.

Ich kann das Gefühl, das mir die Autorin mit ihren Worten gibt, kaum beschreiben. Hier ist trotzdem mein Versuch:

Melinda, ein 15-jähriges Mädchen, lebt mit ihren Eltern und Geschwistern im Jahre 1890 in einer Stadt in Ost-Texas, als der Laden ihres Vaters abbrannte. Das Versicherungsgeld reichte gerade mal für ein Stück Land im unterentwickelten Westen Texas, wo viele Familien ihr Glück als Farmer oder Rinderzüchter versuchten. Die Konditionen sind bescheiden: Der Boden ihrer Hütte ist festgestampfte Erde, der Wind weht ständig über das weite flache Land, es gab weit und breit keine Nachbarn, sie mussten mit Kuhfladen Feuer machen und hatten kaum Wasser oder Geld.

Man begleitet die Familie im ersten Jahr und steht mit ihnen kleine und große Hürden durch. Die liebevolle Familie, gemischt mit den starren religiösen und sozialen Rollen der Bauernfamilie, gab mir ein Gefühl der Sicherheit und Sehnsucht. Klar ist Freiheit das Schönste der Welt, doch wenn man sich im Leben ein wenig verloren fühlt (wie ich gerade), dann kann diese strickte Struktur Erleichterung symbolisieren. Niemand in diesem System muss sich selbst definieren – du wirst über dein Geschlecht, dein Alter und deinen Beziehungs- bzw. Sozialstand definiert.

Trotzdem erhält man durch Melindas Augen eine neue Perspektive auf das Ganze. Zum Beispiel ritt sie auf dem Pferd ihrer Brüder eines Tages wild und ohne Sattel, was ihre Mutter empörte. „Eine Dame reitet nicht im Herrensitz wie eine Wilde, sie reitet auf einem Sattel im Damensitz“, erklärte die Mutter nach dem inneren Monolog von Melinda, in dem sie ihre Freiheit und den Spaß am Reiten entdeckte.

Die Stärke, mit der sie harte Arbeit und Armut aushielten und der Zusammenhalt, der ihnen diese Stärke überhaupt gab, inspirierten mich. Die Familie machte das Beste aus jeder Situation, selbst als Banditen sie zu Hause überfielen, als der Vater auf Reisen war.

Es ist eine vollkommen andere Welt, als ich sie kenne.

Texas zu dieser Zeit war leer, weit, heiß, trocken, windig und von harter Arbeit, Cowboys und dem Überlebenskampf geprägt. Österreich ist das Gegenteil davon: Das Land besteht aus Wäldern, Hügeln, Berge, Seen, Flüssen und feuchter Luft. Darum war es schön, aus meinem Gewohnten in das Unbekannte zu steigen. Danke, Loula Grace Erdman.

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