Ich helfe niemandem mehr.

Vor einiger Zeit hatte ich ein Gespräch mit einer Freundin, über das ich ab und zu nachdenke. Ich argumentierte, dass ich niemandem mehr helfen möchte, der nicht explizit um meine Hilfe bittet. Leider habe ich das Gefühl, meinen Punkt nicht richtig rübergebracht zu haben.

Ich stehe immer noch hinter der Aussage, aber das meine ich wirklich damit:

Mein letztes Geld

Ein sehr prägender Moment für mich war, als ich in London lebte und mich nach einer langen Schicht im Einzelhandel ein Obdachloser vor einem Supermarkt ansprach. Er erklärte, dass er an diesem Tag Geburtstag habe und Geld für eine Nacht in einem Hostel sammele. Ich bot an, ihm ein Bett über mein Handy zu buchen, doch er bestand darauf, dass ich ihm das Geld gebe, weil er den Besitzer des Hostels kenne und er so einen Rabatt bekomme.

Naiv hob ich 20 Pfund für ihn ab, obwohl ich selbst nur 90 Pfund am Konto hatte und London eine extrem teure Stadt war. Ich glaubte, gutherzig und nobel zu sein. Ich dachte, es wäre das Richtige. Dieser Mann war offensichtlich arm und wer war ich, seine Bitte abzulehnen? Nein zu sagen fühlte sich egoistisch an. Ich wollte ihm helfen.

Dann sah ich, wie der Obdachlose zu einem offensichtlichen Drogendealer ging und meine 20 Pfund gegen Drogen eintauschte. Erschöpft von der Arbeit fühlte ich mich dumm und ausgenutzt. Ich hätte die 20 Pfund selbst für Lebensmittel gebrauchen können und musste nun bis zum nächsten Lohn jeden Cent nicht doppelt, sondern dreifach umdrehen.

Das Gegenteil von gut ist gut gemeint.

Das Ego schützt das Selbst

In meinem Leben gab es mehrere Momente, die mir folgende Lektion lehrten: Es ist überlebensnotwendig, egoistisch mit meiner Energie zu sein.

Immer wieder sah ich Not und Leid im Leben anderer und glaubte, helfen zu können. Ich wollte meine Freunde und meine Familie durch jede Krise begleiten, ihnen alles Unangenehme abnehmen und alles teilen, das ich hatte.

Doch wenn du durch die Stadt läufst mit den Worten: „Gratis Energie“ auf der Stirn, werden die Leute kommen und sich deine Energie nehmen. Wenn ein großes Unternehmen wie Red Bull am Stadtplatz eine Truhe aufstellt und gratis Energydrinks austeilt, denkt sich kaum jemand: „Ich habe genug Geld, um mir ein Getränk zu kaufen. Ich lasse sie lieber Menschen übrig, die es sich nicht leisten können.“ Nein, sie nehmen sich eins, weil es ihnen angeboten wird.

Jeder handelt aus Eigeninteresse, auch wenn sie es in schöne Absichten verpacken.

Hilfe, ohne zu helfen

Ich wollte oft Menschen helfen, die nicht um Hilfe baten. Stell dir folgendes vor: Ein Mann hat Fußprobleme, er braucht eine Gehhilfe. Er wehrt sich aber dagegen, weil er Glaubenssätze hat wie: „Gehhilfen sind nur für alte und behinderte Menschen. Gehhilfen machen dich abhängig und unfrei. Gehhilfen bedeuten Aufgeben.“

Dann komm ich ins Spiel und sehe, dass der Mann wegen seines Fußes starke Schmerzen hat. Ich erkenne, dass er eine Gehhilfe benötigt und versuche ihm, diese schmackhaft zu machen. Ich rede auf ihn ein, wie toll es denn nicht wäre, wenn er wegen der Gehhilfe keine Schmerzen mehr hätte.

Das ist natürlich gut gemeint. Ich will ihm nur zu einem schmerzfreien Leben verhelfen, aber der Mann wird meine Versuche nicht schätzen. Er wird seine Glaubenssätze auch mich projizieren. Denn ich gefährde durch meine Hilfe seine Freiheit, will ihn als alten Mann oder Behinderten identifizieren oder ihn zum Aufgeben verleiten. Er könnte mich dann sogar als Feind sehen.

Damit will ich sagen: Ich lernte meine Energie in mein eigenes Leben, meine eigene Gesundheit und Zukunft zu stecken. Ich gebe anderen meine Energie in Form von Hilfe, nur wenn sie mich darum bitten.

Doch auch hier muss man vorsichtig sein.

Am unpassenden Ort

Letztens hat mich ein Mädchen gefragt, ob ich ihr etwas zu Essen kaufe. Dahinter stand eine Frau, die ich schon sehr oft in meiner Stadt gesehen habe. Die beiden gehören einer großen Bettlergruppe an, die sich als Obdachlose ausgeben, obwohl sie komischerweise aber immer frisch geduscht sind, mit neuen Schuhen und Smartphones herumlaufen und auch nicht unbedingt mager sind.

Ja, das Kind hat mich um Hilfe gebeten, doch was sind die Konsequenzen? Wenn diese Menschen Erfolg in ihrem Betteln sehen, werden sie weitermachen, das Kind wird aufwachsen und in die Fußstapfen ihrer Mutter treten. Das Problem besteht.

Was wirklich hilfreich ist, sind Organisationen wie die Suppenküche des Roten Kreuzes, das AMS zur Jobsuche, das Obdachlosenheim für eine kurzfristige Unterkunft, etc.

Nach meiner Art

Wenn ich sage: „Ich helfe niemandem mehr“, meine ich damit, dass ich meine Macht zurücknehme und nicht nur auf meine Umwelt reagiere. Ich antworte darauf. Es ist mir als empathische Person unglaublich wichtig, dass Menschen füreinander da sind, einander helfen und liebevoll zueinander sind.

Doch ich mache es jetzt auf meine Art und Weise, unter meinen Bedingungen, im Einklang mit meiner emotionalen, mentalen, körperlichen und finanziellen Gesundheit.

Meine Priorität ist es, immer zuerst meine eigenen Energiereserven vollzutanken, um stark zu sein und überhaupt die Kraft zu haben, jemanden zu helfen, wenn ich bereit bin. Dann entscheide ich mich bewusst dafür, wie ich helfen möchte. Wenn ich meine gesamte Energie nicht gerade für mich selbst benötige, dann fokussiere ich mich darauf, meine Hilfe aus innerer Kraft heraus und nicht aus Mitleid heraus anzubieten.

Das sieht für mich so aus: In dem Lebensmittelmarkt für sozial geschwächte Personen freiwillig aushelfen, an das Obdachlosenheim spenden und immer für meine Familie und Freunde da sein, wenn sie mich brauchen.

Neue Wege

Wäre ich jetzt wieder mit der Person aus dem ersten Beispiel konfrontiert (der Obdachlose, der um 20 Pfund als Geburtstagsgeschenk fragt), dann würde ich die Situation so handhaben:

„Soll ich dir was zum Essen aus dem Supermarkt mitbringen?“

„Nein, ich brauche Bargeld. Ich möchte eine Nacht im Hostel schlafen und das kostet 20 Pfund.“

„Es tut mir leid, aber das kann ich dir zurzeit nicht geben.“ (Ich habe ja selbst nur 90 und brauche sie selbst.) „Bist du sicher, dass du kein Essen willst?“

Ich liebe es, zu geben. Nur mache ich das jetzt innerhalb meiner Grenzen, auf eine nachhaltige Art. Meine sensible Art, Empathie und das Verlangen, anderen zu helfen, war lange Zeit meine größte Schwäche. Mittlerweile ist es meine größte Stärke.

Nachtrag zu diesem Beitrag.

4 Antworten auf „Ich helfe niemandem mehr.

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  1. Es ist ja nicht egoistisch, zuerst auf sich selbst zu schauen. Im Gegenteil, es ist notwendige Selbstfürsorge. Wenn Menschen das nicht verstehen (wollen) ist das oft ihr eigener Trigger, sie gestehen es sich vielleicht selbst nicht zu, zuerst auf sich zu schauen. Und ich kenne dieses Thema so gut, habe auch sehr lange anderen Menschen gegeben, obwohl ich selbst kaum etwas hatte. Damit schaden wir uns selbst. Ein anderer Punkt ist, ich möchte selbst entscheiden, wann und wem ich was gebe. Angebettelt werden, nötigt ja auch irgendwie. Es ist keine Freiwilligkeit. Und manche Menschen sind anfälliger als andere dafür, sich schuldig zu fühlen, wenn sie nichts geben und Nein sagen.

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