Der Herbst ist eingekehrt, aber die Bäume sind noch grün. Nur der Amberbaum zwischen Eingang und Mülltonnen färbt seine ersten Blätter in ein tiefes Rot.
Auf der Straße ist es wie jeden Sonntag Morgen ruhig. Eine schwarze Katze liegt wie ein Laib Brot im Busch neben dem Weg und sieht nicht auf, als ich an ihr vorbeigehe.
Die Eingangstür hat ihre Besonderheiten – der Griff wackelt ein wenig und man muss den Schlüssel in einem bestimmten Winkel ins Schloss stecken, sonst kann man das Wohnhaus nicht betreten. Es ist der Versuch des alten Hauses, seine Einwohner vor unerwünschten Gästen zu schützen.
Gleich hinter der Tür befindet sich eine Tafel, an der die Bewohner und Vermieter sich gegenseitig Informationen weitergeben. Ein Plan des Gebäudes aus dem Jahre 1983 und eine Postkarte mit einem Schaf darauf sind Dauermieter am Kork.
Auch ein Kinderwagen steht direkt neben der Tür im Schutz vor Wind und Wetter, aber dennoch bereit, jederzeit mit einem Kind beladen loszufahren.
Im Erdgeschoss des Wohnhauses schläft das junge Paar im kleinen Schlafzimmer mit Blick zur Straße. Erst gestern habe ich gesehen, wie sie in Laufschuhen und mit einem Schweißstirnband im Gesicht vor dem roten Haus bereit standen. Regelmäßig laufen sie Runden in hohen zweistelligen Kilometern. Sie waren danach so erschöpft, dass sie einschliefen, ohne die Katze rein zu lassen, die die Nacht unter dem Busch vorm Eingang verbringen musste.
Einen Stock höher bereitet gerade ein ältere Dame Frühstück für ihren Ehemann zu. Er ist bereits seit mehreren Tagen krank und schön langsam macht sie sich Sorgen. Jegliche Versuche, ihn zum Fiebermessen zu bewegen, lehnt er vehement ab. „Zum Sterben ist es noch zu früh“, sagt er dann scharf. Während sie das Rührei neben die Scheibe Brot legt, überlegt sie, wie sie den alten Sturkopf zu einem Arztbesuch überreden könnte.
Davon bekommt der kleine braune Dackel im zweiten Stock nichts mit. Verschlafen wartet er auf die Rückkehr seines Herrchens. Dieser ist, wie auch schon die letzten tausenden Sonntage seines Lebens, bei der Messe. Er kniet neben vielen anderen Kirchgängern vor dem Pfarrer, der gerade ein Gebet aufsagt. Der Dackel weiß, dass er sonntags eine besonders große Portion seines Futters bekommt und starrt im Morgenlicht die Haustür hoffnungsvoll an.
Langsam geht mir die Luft aus. Das Stiegenhaus riecht nach altem Parfum, dreckigen Teppichen und einem Hauch des letzten Abendessens.
Auch die Dame vom dritten Stock ist gerade in der Kirche. Sie sitzt aber nicht auf den Bänken, sondern steht unter den Chorleuten. Obwohl sie nicht religiös ist, hat sie in der Kirche eine Gemeinschaft gefunden, die ihren kürzlich verstorbenen Mann zum Teil ersetzten kann. Ihre gesellige Art hilft ihr dabei generell sehr. Sie kennt viele Menschen und bekommt ständig Besuche. Sie hat Kinder und Enkel, die sie lieben. Etwas, worauf der Mann im unteren Stock eifersüchtig ist. Er hat nur seinen Hund.
Auch ich besuche die Dame oft. Sie ist mittlerweile wie eine dritte Großmutter für mich. Selten trifft man einen pensionierten Menschen, der so offen für Neues ist. „Man muss sich im Alter mit den Jungen umgeben, sonst versinkt man in der Krankheit und Einsamkeit des Altwerdens“, sagte sie mal zu mir.
Im Sommer sehe ich sie mit dem sechsjährigen Nachbarskind auf der Straße Ball spielen. Im Herbst geht sie zum Turnverein, im Winter lädt sie bei sich zum Essen und Trinken ein und im Frühling geht sie auf den Hausberg.
Normalerweise würde ich bei ihr läuten, um mit ihr zu plaudern. Heute weiß ich, dass es hinter der Tür leer ist. Denn ich habe sie gesehen – in der Kirche. Ich war dort, fast selbst ein wenig überrascht mich in einer Kirche wiederzufinden, um sie singen zu hören. Ihre Stimme mischte sich in die der anderen. Eine Geige begleitete sie. Es war schöner und traf mich tiefer als ich erwartet hätte.
Im vierten Stock stecke ich den Schlüssel in meine eigene Haustür und tauche zurück in mein persönliches Universum – gleich, aber doch ein wenig verändert.
Was denkst du?