„Radlwerkstatt“ steht in grau-braunen Buchstaben über der Tür. Ich trete ein. Der freundliche Besitzer kommt rasch von dem kopfüberstehenden Rad in der Mitte der Werkstatt auf mich zu. „Grüß Gott“, sagt er ruhig mit Öl an den Händen.
Ich kenne diese Art Mann. Er würde niemals in der Öffentlichkeit ein Argument austragen. Er nutzt seine ruhige Art, um seinen inneren Frieden zu wahren. Dennoch ist er nicht immun gegen Ärger, für den er immer noch ein passendes Ventil sucht. Aber das hier ist keine Charakterstudie. Ich bin nur wegen meines Rads hier.
Er zeigt mir das reparierte alte Rad. Es ist rot und voll Staub und Spinnweben. „Ich muss es dringend reinigen. Vielleicht kann ich es bei der Autowäsche mit dem Hochdruckreiniger abspritzen“, denke ich und nehme das Rad entgegen.
Bezahlt habe ich drei Euro zu viel. Darüber freut er sich sehr. Solche Menschen verdienen gute Bewertungen im Internet, beschließe ich und gebe ihm rasch fünf Sterne. Vielleicht wird er dies abends auf seinem Computer sehen und lächeln. Dann habe ich alles erreicht, was ich mit den digitalen Sternen erreichen wollte.
Jedenfalls stehe ich so da, vor der Radlwerkstatt mit dem alten, roten Rad in der Hand. Meine Mutter hat es mir geschenkt. „Ich habe ja sowieso ein neues und es steht nur im Keller herum“, hatte sie gesagt. Über zwanzig Jahre hat es mit ihr verbracht. Jetzt bin ich an der Reihe.
Der Reifen ist wieder ohne Löcher. Er kann mein Gewicht nun aushalten. Ich steige auf.
Warmer Herbstwind weht mir ins Gesicht. Die Bremsen quietschen, weil ich nicht zu schnell werden will. Man weiß ja nie, was als Nächstes kaputt wird. Es ist alles offen: Fahre ich jetzt nach Hause? Beginnt ein Abenteuer um die Welt?
Das rote Rad erinnert mich daran, wie spaßig das Leben sein kann.