Das Mädchen und der Manische

Der manische Teil in mir schreit mit schriller Stimme: „Hau raus! Sag’s! Worauf wartest du?“ Ich sehe ihn als ungepflegten Menschen mit schiefen Knochen, grauer Haut und rot-blauen Haaren. Er wirkt wie ein verlorener Clown, der die letzten 10 Jahre im Wald verirrt unter den Füchsen lebte.

Der schüchterne Teil in mir, ein kleines Mädchen mit gekämmten Haaren, sauberer Kleidung und ihrem Teddybären in der Hand, sieht mit gleich geweiteten Augen und verkrampften Armen dem manischen Clown entgegen. „W- Was?“, fragt sie leise und zieht ihr Kinn zur Brust.

Ein stinkendes Gesicht schießt in ihr Blickfeld und versperrt den Blick auf die grüne Tür. Krächzend und fast schon singend antwortet er mit Mundgeruch: „Hau. es. raaaauuuus!!!“

Das Mädchen kann der Provokation nicht folgen. Sie spürt Angst, aber niemals Wut. Sie versteckt sich, greift aber niemals an. Mit versperrtem Fluchtweg steht sie still und starr.

Der Manische hüpft wie ein Frosch mit Tollwut auf und ab. Den Blick hält er dabei auf das Mädchen fixiert. „Du willst doch vorbei?“, schreit er lachend.

„J-Ja. Bitte“, antwortet das Mädchen und der Clown nähert sich ihr wieder. Er lacht und die Schüchterne zuckt zusammen. Er lacht mit einer Mischung aus hunderten Stimmen. Plötzlich verstummt er und stellt sich über das kleine Kind. „Niemand nimmt dich ernst“, sagt er mit einer robotischen Stimme, die ihm gar nicht gleicht.

Sein Stillstand scheint dem Mädchen wie eine Aufforderung. Sie sieht ihre Chance und läuft so schnell sie kann auf die grüne Tür zu. Doch er ist schneller als sie. Er ist Meister der Ruckartigkeit, der Täuschung und der Absurdität. Es ist wie ein Spiel für ihn.

Er streckt seine langen, dünnen Arme aus und fängt die Kleine ein. „Nicht so schnell“, kichert er und hält sie hoch. Er streicht ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr. „Ach, du kleines Ding. Wie ein ängstliches Reh siehst du aus. Du bist nicht mehr als ein Beutetier.“

Das Mädchen sieht dem Monster in die Augen. Plötzlich spürt sie eine Welle der Hoffnung. Sie erkennt: „Und du bist nicht mehr als ein hässlicher Clown.“ Diese Worte verblüffen ihn und er stellt das Kind auf den Boden.

So stehen sie sich gegenüber, die Schüchterne und der Manische. Es ist ein ewiges Spiel, das in hunderttausenden Varianten durchgespielt wurde – die Dualität der Dinge, die in jedem lebt. Die grüne Tür ist ein Symbol. Nicht für den Ausweg einer Extreme, sondern für das Co-Existieren der beiden.

Das Mädchen hat die Macht, aber sie sie will sie nicht nutzen. Der Manische hat die Ruhe, aber er kann sie nicht sehen. Würde einer der beiden die Realität erkennen, wäre das Spiel zu Ende – doch wo bleibt da der Spaß? Das Ende wäre das Ende.

So sehe ich das Mädchen und den Clown schon seit Ewigkeiten streiten. Beide unendlich starke Wesen mit einer Macht, die für mich unbegreiflich ist. Bis in alle Ewigkeiten werde ich sie noch beobachten können. Wer weiß, ob sie irgendwann auf einen grünen Zweig kommen?

2 Antworten auf „Das Mädchen und der Manische

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  1. Ich glaube fest daran, dass es gut ist, wenn man sich der widerstreitenden, gegensätzlichen Persönlichkeiten in einem selbst stellt und sie analysiert. Ich habe damit sehr gute Erfahrungen gemacht und weiß seitdem, warum ich manchmal reagiere, wie ich reagiere. Vielen Dank für deine offene und detaillierte Beschreibung…wahrscheinlich schlummern da noch ganz andere Persönlichkeiten in dir.

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