(An)Dauernde Depression

Es wird besser. Jeden Tag strengst du dich an, ein stabiles Leben zu haben und gesund zu sein. Du bleibst dran und deine positiven Gewohnheiten werden immer leichter. Du isst genug, du redest mit anderen Menschen, du liegst nicht mehr nur im Bett…

Man muss jeden Tag den Kurs neu ausrichten, lernst du. Du musst dich ständig an dein Ziel erinnern, um es nicht aus dem Sinn zu verlieren. Dieser Wegführer ist immer für dich da und zeigt dir den richtigen Pfad. Im Hin und Her des Lebens darfst du ihn nicht verlieren. Nicht schon wieder.

Ich kann’s verstehen – mal lockt dich die süße Frucht eines Baumes zur Seite. „Das habe ich nach all dieser Anstrengung verdient“, denkst du und nimmst auf einem großen Stein neben dem Weg Platz.

Der Wegführer bleibt aber nicht stehen. Er kennt keine Pausen. In seinem gewohnten 24-Stunden-Takt geht er einfach weiter. Du siehst, wie er ins Fitnessstudio verschwindet. Du wischt den Fruchtsaft aus den Mundwinkeln und stehst auf.

Du weißt genau, wo du jetzt hingehen musst, aber das Gewusel der Menschen lenkt dich ab. Ein Herr im dunklen Anzug versucht mit dir zu plaudern. Seine dunklen Augen scheinen wie dickes Wasser unter den Lidern zu schmelzen. Er wirkt traurig und einsam. Mitleidig tauscht du ein paar Worte mit ihm aus. Du willst dich losreißen, aber das schlechte Gewissen hält dich dort.

Nach Stunden lässt er dich endlich los. Er leichter und du schwerer. Du fühlst dich ausgelaugt und erkennst, dass er dich gerade als emotionalen Mistkübel benutzt hat. Du hast dir selbst versprochen, das nicht mehr zuzulassen. Auch deine Augen gleichen nun die des Fremden.

Ach, ja! Der Wegführer!

Du drehst dich im orangenen Nebel. Menschen gehen dicht an dir vorbei. Du versuchst, niemandem in die Augen zu sehen. „Hoffentlich redet mich heute keiner mehr an“, denkst du. Du weißt nicht mehr, welche Richtung Norden ist und wanderst verloren umher. Du vergisst dich selbst und dein Grenzen verschwimmen. Wo hörst du auf und wo fängt der Nebel an?

Das Orange wird zu Hellblau wird zu Dunkelblau wird zu Schwarz.

Du findest dich auf deiner Couch wieder. Du hast vergessen zu trainieren und dein Körper leidet unter den letzten drei Mahlzeiten, die aus zuckrigen Früchten bestanden. Es ist drei Uhr morgens und du hast deine Zähne seit vorgestern nicht geputzt.

„Wo habe ich mich dieses Mal wieder selbst verloren?“, denkst du.

Plötzlich hörst du die Stimme des Wegführers. „Hier bin ich!“, schreit er. Er ist bereits im Morgen und möchte, dass du es noch einmal probierst.

Was denkst du?

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