„Cannabis macht nicht abhängig“, hört man oft.
Diese Aussage mag zwar auf körperlicher Ebene wahr sein, auf emotionaler Ebene ist es aber völliger Unsinn.
Ich kenne unzählige Kiffer. Bis vor einem halben Jahr war ich selbst einer. Fast ein Jahrzehnt lang habe ich mir jeden Tag einen oder mehrere Joints gegönnt. Genau aus diesem Grund möchte ich heute über etwas Wichtiges sprechen, das meiner Meinung nach oft übersehen wird und trotzdem das Leben unglaublich vieler Menschen beeinflusst.
Schwarz, Weiß, Grün
Das Thema Cannabis und Drogen generell scheint ein klassisches Schwarz-Weiß Thema zu sein. Entweder man liebt oder man hasst die berauschende Pflanze. Sie ist entweder Heilmittel oder Teufelskraut. Irgendwie scheint es kein Dazwischen zu geben.
Aus diesem Grund übersehen wir ein sehr wichtiges Gesprächsthema: Abhängigkeit und die Grauzonen zwischen Hass und Liebe.
Gefangen im Grünen
Ich erinnere mich an einen sehr prägenden Moment, der im Augenblick eher klein wirkte. Ich war mit Freunden unterwegs und abends fuhr P. uns alle high nach Hause. Wir setzten D. als ersten ab.
Kurz bevor wir sein Haus erreichten, erklärte er, dass er mit dem Kiffen aufhören wolle. Nichts Neues. Das fiel ihm aber sehr schwer. Auch nichts Neues. Verzweifelt sagte er: „Ich weiß, dass ich aus der Bong rauchen werde, sobald ich durch die Haustüre schreite. Ich kann nicht anders. Wenn ich das Zeug zuhause habe, werde ich rauchen, auch wenn ich eigentlich gar nicht will. Was soll ich denn tun?“
Niemand im vollen Auto antwortete, aber jeder wusste genau, wovon D. sprach. Es war mir unangenehm, fast peinlich, weil ich mich mit diesen Leuten traf, um keine Verantwortung für mein Handeln übernehmen zu müssen. Hier war aber D. und sprach das Problem offen an, vor dem sich jeder von uns drückte.
Unbewusst suchte ich nach Bestärkung von diesen Personen. Jede Woche kam jemand zum Treffen und verkündete, dass er ab morgen nicht mehr rauchen werde. Jedes Mal saß diese Person dann am nächsten Tag mit einem Joint oder einer Bong in der Hand wieder in der Runde. Niemand sagte etwas dazu. Jeder akzeptierte es einfach und tat, als wäre der gute Vorsatz vom Vortag nie ausgesprochen worden.
Plötzlich war da einer, der das Problem geradeaus anspricht. Wie unangenehm.
Sucht vs. Genuss
In einer Studie, deren Ursprung ich leider nicht mehr kenne, las ich folgende Statistik: Circa 1/3 aller Menschen haben eine suchtgefährdete Persönlichkeit.
Ich selbst kämpfte jahrelang im Stillen. Ich wusste schon lange, dass Cannabis mein Leben negativ beeinflusste. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es vielen anderen Menschen genauso geht. Aus diesem Grund veröffentliche ich diese Worte überhaupt.
Wie beeinflusste Cannabis mein Leben?
-Ich hatte kaum Antrieb und wenig Kraft. Die meiste Zeit, die ich high war, verbrachte ich im Bett oder auf irgendeiner Couch. Manchmal hatte ich die Absicht, etwas mit dem Tag anzufangen, war dann aber meist vor Mittag bereits zu high dafür.
-Ich nutzte den Konsum, um Emotionen zu unterdrücken und vor meinen Problemen zu fliehen. Dadurch staute sich alles in mir auf.
-Ich sagte soziale Verpflichtungen ab, um zu kiffen. Das zerstörte einige meiner Beziehungen zu Menschen, die mich liebten. Mit der Zeit gaben sie es einfach auf, mit mir Kontakt zu haben.
-Mental fuhr ich in einem Kreisverkehr ohne Ausfahrten. Die Verzweiflung, Isolation und Aussichtslosigkeit machten mich depressiv.
-Ich log mich selbst an. Ich redete mir ein, Cannabis würde mir helfen. Es sei das Einzige, das mich über Wasser hält. In Wahrheit war es das schwerste Gewicht auf meinem Kopf, gegen das ich im Meer des Lebens ankämpfte.
-Ich war gestresst, weil ich meine Sucht verstecken musste. Immerhin ist Cannabis in Österreich illegal und meine Familie durfte es nicht mitbekommen. Außerdem war ich gestresst aufgrund der Beschaffung. Jeden Tag drehten sich meine Gedanken darum, wieviel noch da ist, wo ich das nächste holen konnte und wieviel das wieder kosten würde.
-Ich fühlte mich alleine.
Eine Sucht eben.
Legalize it: Cannabis als Heilpflanze
Grundsätzlich war nicht die Pflanze selbst das Problem. Sie kann sehr heilend wirken und gegen verschiedene Krankheiten eingesetzt werden. Menschen mit chronischen Schmerzen zum Beispiel profitieren vom schmerzlindernden THC. Ebenso kann das Öl der Hanfpflanze bei einigen Hautkrankheiten helfen.
Ich war allerdings vollkommen gesund.
Mein Missbrauch machte die Pflanze zu etwas Negativem. Mein Verhalten und mein Handeln waren das Problem. Die Pflanze selbst ist nur Natur.
Cannabis zu rauchen kann für manche Menschen außerdem auch ein Genuss sein.
Das größte Problem ist, dass niemand darüber spricht. Niemand erklärte mir, was Cannabis ist, wie es wirkt und was passieren kann. Als 16-jährige stürzte ich mich blind in ein Verhalten, das sich im Laufe der Jahre zu einer schweren Sucht entwickelte.
Ich hatte das Gefühl, mit niemandem darüber reden zu können. Entweder redete man mir ein, dass es nicht so schlimm sei oder man redetet mir ein, dass es das Schlimmste sei. Ich fühlte entweder Erleichterung oder Scham, aber niemals Hoffnung.
Wie kommen wir da wieder raus?
Solltest du jüngere Menschen in deinem Umfeld haben, sollte unbedingt ein aufklärendes Gespräch geführt werden. Bitte sag nicht: „Cannabis ist extrem schlecht. Mach das nie.“ Dadurch regst du das Interesse an, besonders, wenn der junge Mensch die Droge dann in der freien Wildbahn antrifft.
Stattdessen ist es sinnvoller, die Pflanze und ihre Verwendungszwecke zu erklären. Informiere, was Sucht überhaupt ist und wie sie entsteht. Wissen ist Macht! Menschen müssen und werden ihre eigenen Entscheidungen treffen. Gib ihnen Werkzeuge in die Hand, um die richtigen treffen zu können.
Falls du selbst mit Sucht zu kämpfen hast, empfehle ich dir folgende konkrete Schritte:
- Sei brutal ehrlich zu dir selbst. Hör auf, Ausreden und Rechtfertigungen zu erfinden und sieh die Situation, wie sie wirklich ist. Stell dir vor du bist ein Außenstehender, der auf dein Leben blickt. Was siehst du?
- Rede mit jemandem. Es gibt immer ein offenes Ohr. Denkst du, dass wirklich niemand in deinem Umfeld dich versteht, kontaktiere mich auf Instagram @lenasvision. Ich bin immer urteilsfrei hier, um zu helfen. Außerdem ist es keine Schande, einen Therapeuten um Hilfe zu bitten. Dafür sind sie da.
- Verändere dein Umfeld. Brich den Kontakt zu deinen Kifferfreunden ab. Schmeiß das Zubehör weg. Lösch die Nummer des Dealers.
- Erstelle Strategien, um mit Triggern umzugehen. Versuche zuerst, dein Suchtverhalten zu verstehen. Finde dann heraus, wie du es abbremsen kannst. Was wirst du tun, wenn du wieder ein Verlangen verspürst oder dir jemand einen Joint anbietet?
- Sei sanft zu dir selbst. Dein Leben wird sich nicht innerhalb von 24h ändern. Rückschläge sind normal. Suchtdruck ist normal. Schwache Momente sind normal. Aber auch Erfolgserlebnisse sind normal. Fortschritt ist normal. Glück ist normal. Liebe dich durch alle Phasen, egal wie sie sich anfühlen.
Lass uns Cannabis und Sucht als Tabuthemen aus unseren Köpfen streichen. Es ist wichtig, darüber zu reden. Ich habe begonnen – jetzt bist du dran.
In meiner Generation war Cannabis eine böse, böse Droge…wir haben lieber alle gesoffen…und Sucht war und ist immer ein Tabuthema und es ist egal, ob die Droge legal oder illegal ist….Aufklärung ist wichtig und daher klasse, dass du deine eigenen Erfahrungen schilderst!
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