Seit Jahren laufe ich auf das Schild zu, auf dem „Ausgang“ steht. Mein einziges Ziel ist es, einen Ausweg zu finden. Ich laufe und laufe, aber komme nicht weiter. Je näher ich rücke, desto weiter entfernt sich die Tür. Die rote, schwere Tür aus Metall, die verschlossen auf meine Ankunft wartet.
Wie in einem Horrorfilm flackert das Licht des Flurs. Er ist kalt und schmutzig. Ich bin nass. Mein gesamter Körper schmerzt. Meine Kräfte sind niedrig. Wie lang kann ich noch so weiterlaufen? Wenn ich doch endlich den Ausgang erreichen würde, …
Eine Vermutung, ein Wunsch oder vielleicht sogar eine Illusion motiviert mich. Wenn ich die Tür nur öffnen könnte, …
In meiner Vorstellung strahlt mir warmer Sonnenschein entgegen und weiß gekleidete Menschen umarmen mich sehnsüchtig. Ich höre Vögel und eine Harfe, sehe sattes, grünes Gras und Sträucher voll Früchte. Wenn ich endlich durch den Ausgang schreite, dann gehe ich im kühlen Fluss baden und lege mich in den Schatten eines großen Baumes. Endlich werde ich Erleichterung spüren. Endlich wird dieser Kampf ein Ende finden.
Dampf zischt aus einem kaputten Rohr in der oberen Ecke des Flurs und bringt mich zurück in meine Realität. Das gedämpfte, rote Licht lässt mich eine nasse Ratte erkennen. Sie ist schneller als ich, obwohl ich mit vollen Kräften nach vorne laufe. Mein Bein verkrampft.
Sind meine Hoffnungen nur Wahnvorstellungen? Findet das Leben in Wahrheit hier im feuchten Keller statt? Ich bin schon zu lange hier und die Erinnerungen an ein Leben außerhalb wirken mit jedem Schritt, den ich auf den schimmligen Boden setze, unwirklicher.
Warum laufe ich überhaupt? Ich werde sowieso nie den Ausgang erreichen. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber sie stirbt trotzdem. Außer Atmen, dreckig und hungrig setze ich mich auf den kalten Betonboden. Die Ratte ist schon nicht mehr zu sehen.
Plötzlich scheint ein gelber Lichtstrahl in mein Auge. Nur für einen kurzen Augenblick, aber dieser Augenblick reicht. Er reicht, um meine Hoffnungsvorräte aufzufüllen. Ich blicke auf. Die Tür ist immer noch fest verschlossen, doch irgendetwas ist anders.
Ich spüre Druck auf meinem Kopf. Was ist das? Meine Hände fühlen etwas Hartes über meinen Augen. Wie eine große Brille… War die schon immer hier? Langsam nehme ich das schwere Teil ab.
Meine Augen können sich nur langsam an das Tageslicht gewöhnen. Ich bin hier. Ich bin tatsächlich hier. Ein Mann in weißer Kleidung lächelt mich an. Hinter ihm sehe ich einen Himbeerstrauch. Gierig stürme ich darauf zu und fülle meinen Mund mit saftigen, süßen Himbeeren.
„Willkommen zurück“, sagt der Mann. Er hat Weintrauben, Käse und Brot in der Hand. Mein abgemagerter Körper freut sich über jeden Bissen.
„Ich verstehe nicht“, flüstere ich erschöpft und lasse mich auf das weiche Gras fallen.
Der Mann legt eine warme Hand auf meinen Rücken und reicht mir ein weißes Kleid. „Du hast den Ausweg endlich gefunden. Wir warten schon lange auf dich. Du musstest nur deine Brille aufgeben, aber du warst schon immer eher stur. Wenn du ein Ziel vor Augen hast, tust du alles, um es zu erreichen.“ Er lacht und ich spüre, wie mich die Entspannung in einen langen Schlaf trägt.
Was denkst du?